»Man holte einen arzeneikundigen Pater aus der Abtei Sanct Pilt. Der brachte starkwirkende Mittel und kochte ein Tränklein, das die Gräfin einnehmen mußte und das ihr sehr gut gethan hat. Sie ist schon wieder außer Bett, aber noch angegriffen und matt; darum kann sie heute nicht zum Reiten mit dem Herrn Grafen kommen, aber in ein paar Tagen hofft sie wieder so weit zu sein, soll ich dem Herrn Grafen melden.«
»Weiß Deine Herrin das Alles?« frug Egenolf.
»Nein, o nein! nur Euch habe ich es in meiner Angst gestanden, und ich bitte Euch, Herr Graf, ich bitte Euch bei allen Heiligen im Himmel, sagt es ihr nicht! ich schämte mich zu Tode, ich ginge ins Wasser, wenn sie es erführe.« Und Dimot fiel auf die Knie, hob die Hände flehend zu Egenolf empor, verhüllte dann wieder ihr thränenüberströmtes Gesicht und jammerte und schluchzte.
»Steh auf!« sprach Egenolf, »ich verspreche Dir, zu schweigen. Bestelle Deiner Herrin meinen ehrerbietigen Gruß und meinen innigsten Wunsch, daß sie schnell wieder genese.«
»O ich danke Euch, ich danke Euch viel tausendmal, Herr Graf!« stammelte Dimot und erhob sich. Dann griff sie in die Tasche ihres Kleides und bot ihm einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand dar. »Hier ist die Nuß mit dem Rest des Pulvers,« sagte sie, »nehmt es an Euch, Herr Graf, vielleicht könnt Ihr die Falsche damit ihrer schändlichen That überführen.«
Egenolf steckte das Päckchen zu sich, schwang sich aufs Pferd und jagte auf dem Wege zurück, den er gekommen war. »Giftmischerin, verfluchte!« murmelte er, »mit dem Leben sollst Du es büßen!«
Er ritt aber nicht heim, sondern lenkte nach der Hütte der Zigeuner, deren einsamer Standort im Walde ihm sehr wohl bekannt war.
In einiger Entfernung davon stieg er ab, band das Pferd an einen Baum und pirschte sich leise an die Hütte heran in der Hoffnung, Haschop darin zu überraschen.
Ihm klopfte das Herz in so wilder Erregung, daß er mehrmals anhalten mußte, um Athem zu schöpfen. Als er, allmählich näher gekommen, wieder einmal im Dickicht rastete, glaubte er ein Klingen zu vernehmen, das nur aus der Hütte schallen konnte. Er drang durch das Gebüsch weiter vorwärts und hörte die eigenthümlichen Laute nun deutlicher. Was war das? Sang sich die Giftmischerin etwa gar ein Lied, um ihr Gewissen zu betäuben? Doch nein, das waren keine menschlichen Töne. Es klang so wehmüthig weich, so süß und melodisch durch den stillen Wald, daß er wie gebannt stehen blieb und lauschte. Und nun wußte er mit einem Male, was es war, – es war Geigenspiel von Farkas' des Zigeuners Meisterhand. Den wollte er nicht treffen hier, denn unmöglich konnte er in dessen Gegenwart ein, wie er in der ersten, maßlosen Wuth gesonnen war, blutiges Strafgericht an seiner Tochter vollziehen, was auch der Zigeuner nicht ohne harten Kampf geschehen lassen würde.
Schon wollte er, verdrossen, daß er an der Verruchten nicht seine Rache nehmen konnte, umkehren zu seinem Pferde und davonreiten, aber noch mit halbem Ohre nach den wunderbaren Klängen hinhörend, fing er an zu überlegen, was er thun oder lassen sollte. War es denn sicher, daß er Haschop bei ihrem Vater fand, wenn er zu ihm ging? Er wagte nicht, es zu wünschen. War sie aber nicht zugegen, so konnte er seinen heißen Groll vor Farkas ausschütten und von ihm, wenn auch nicht Haschops Tod, so doch ihre Entfernung auf Nimmerwiederkehr verlangen oder ihm drohen, sie versuchten Giftmordes wegen dem Blutrichter auszuliefern. So ging er denn auf die Hütte, deren Thür und Fensterluken offen standen, langsam zu und trat hinein.