»Wenn etwas Wahres daran wäre,« sprach er endlich zu sich selber, »so könnte das böse Verwickelungen geben; aber ich glaube nicht daran. Wie kommt Burkhard zu dieser Hindeutung auf das mögliche Eintreten eines Ereignisses, an das noch kein Mensch gedacht hat? Verräth sich damit nur seine Furcht vor einer solchen entfernten Möglichkeit? und will er mich mit Androhung seiner Feindschaft zwingen, etwas noch Unerwogenes und Ungewolltes im Voraus zu verhüten, das, wenn es geschähe, ihn treffen würde wie ein Schlag vor den Kopf? Klar sehen muß ich, was dahinter steckt.«
Er erhob sich, rief seinem Kämmerling und befahl ihm, nachzusehen, ob Graf Egenolf im Schlosse anwesend wäre, in welchem Falle er ihn sofort zu sprechen wünschte.
Dann nahm er sein Selbstgespräch wieder auf: »Aber wenn die neue Mär nun doch nicht ohne Grund und Boden wäre, – was dann? In welche verzwickte Lage kämen dann Oswald und ich! Jeder würde seine Einwilligung an Bedingungen knüpfen, deren Erfüllung dem Einen oder dem Andern sehr schwer fallen, vielleicht unmöglich sein würde. Ja, wenn Vieles anders wäre, als es ist, – welch ein Glück wäre das für die beiden prächtigen Menschen! Ach, was quäle ich mich mit Hirngespinnsten! es kann ja nicht sein, es ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen schier undenkbar.«
In diesen Betrachtungen wurde er durch den Eintritt des Sohnes unterbrochen, der mit einem unsicheren, fast scheuen Blick in seines Vaters Zügen zu lesen suchte, was seiner wohl hier warten möchte. Sollte Burkhard seine ihm zugeflogene Wissenschaft wirklich schon an den Mann gebracht haben?
»Du wirst nicht vermuthen, Egenolf,« begann der Graf, »weßhalb ich Dich zu mir bescheiden ließ. Höre, was ich Dir mitzutheilen habe.«
Sie nahmen beide Platz, und Schmasman fuhr fort: »Ich habe da von meinem alten Freund und Waffenbruder Burkhard einen Brief empfangen, der nichts Geringeres enthält als seine deutliche Absage, wenn ich nicht thue, was er hartnäckig von mir verlangt, nämlich ihm bei der gewaltsamen Vertreibung der Thiersteiner und seiner Besitzergreifung der Hohkönigsburg mit aller meiner Macht zu helfen. Da ich nun, selbst nach einem kriegerischen, für uns sieghaften Austrage der schwebenden Streitigkeiten, doch keineswegs in die Vertreibung der Thiersteiner willigen werde, so kann es leicht dahin kommen, daß wir, Burkhard und ich, uns über kurz oder lang feindlich und kampflich gegenüberstehen.«
»Es freut mich sehr, lieber Vater,« fiel Egenolf, von der Sorge befreit, daß es sich um sein Verlöbniß handelte, lebhaft ein, »aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß Ihr entschlossen seid, die Demüthigung des Grafen Oswald zu verhindern.«
»Die Vertreibung, habe ich gesagt,« verbesserte Schmasman den Sohn, »denn sich beugen, unserm Widerspruch gegen seine Absichten sich fügen wird Graf Oswald müssen, wenn er Frieden haben und behalten will. Aber warum freut Dich mein Entschluß, ihn vor dem Schlimmsten, was ihm droht, zu bewahren?« frug er aufmerksam. »Hast Du Veranlassung, besonderen Antheil an seinem Geschick zu nehmen?«
»Nun, – wir waren doch seine Gäste auf der Hohkönigsburg,« gab Egenolf verlegen und ausweichend zur Antwort.
»Das war Burkhard mit den Seinigen auch und ist ihm doch Feind geworden und verlangt, daß wir es auch werden. Gieb Acht, was er mir schreibt.« Schmasman nahm den Brief zur Hand und las ihn dem Sohne vor.