Leontine war von ihrem Übelbefinden fast völlig wieder genesen, und Niemand außer Dimot konnte sich dessen Ursache erklären. Nur dem heilkundigen Mönch von St. Pilt mußte der Verdacht einer Vergiftung aufgestiegen sein, denn Pater Eusebius fragte genau nach Allem, was die so plötzlich Erkrankte in den letzten Tagen genossen und ob sie etwa im Walde Beeren gegessen hätte, die ihr möglicherweise geschadet haben konnten, was sie jedoch verneinte. Dimot pflegte sie mit hingebender Sorgfalt und ließ es sich nicht nehmen, Nachts bei ihr zu wachen, was zwar nicht von Nöthen war, ihr jedoch sowohl von Leontinen wie von Gräfin Margarethe hoch angerechnet wurde. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe, daß sie der Zigeunerin getraut hatte, und ahnte nun auch deren Beweggrund zu der verbrecherischen That.

Mit der zurückkehrenden Gesundheit wuchs auch Leontinens Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit dem Geliebten, und wenn sie allein war, prüfte sie die Kraft ihrer Glieder, ob sie wohl schon wieder im Stande wäre, einen Ritt zu unternehmen, fürchtete nur, daß ihre Mutter dies noch nicht gestatten würde. So lange sie das Zimmer hüten mußte, forschte sie mit ängstlicher Wißbegierde nach allen Vorgängen auf der Burg und nach eingelaufenen Nachrichten und erfuhr von Dimot, daß Isinger in rastloser Thätigkeit mit Instandsetzung von Waffen und Rüstzeug beschäftigt war und daß von Schlettstadt her große Vorräthe von Lebensmitteln in die Burg eingeführt wurden, man sich also auf eine Belagerung einzurichten schien.

Diese Mittheilungen erfüllten Leontinen mit schweren Sorgen, und sie dachte dabei weniger an die Gefahren, denen die Ihrigen und sie selber ausgesetzt waren, als an Egenolf, den sie in heftigem Widerstreit zwischen Sohnes- und Ritterpflicht einerseits und den Gefühlen seines Herzens andererseits glaubte. Sie liebte ihn mit einer tiefen Leidenschaft, die sie jedoch so zu zügeln wußte, daß man ihr nichts von der Gluth in ihrem Innern anmerkte. Durch die ihr zu Theil gewordene Erziehung hatte sie Selbstbeherrschung gelernt, und nur in seltenen Fällen riß sie das heiße Blut, das in ihren Adern rollte, zu einer rasch aufwallenden Erregung hin, dann aber auch mit einer ursprünglichen Naturkraft, die ihr Niemand zutraute, der sie nicht näher kannte. Für gewöhnlich trugen ihre edel geformten Züge den Ausdruck einer kühlen, fast hoheitlichen Ruhe, und ihre Art zu sprechen und sich zu bewegen hatte meist etwas Zurückhaltendes und Maßvolles. Sie war wie in ihrer schönen, stattlichen Erscheinung so auch in ihrem vornehmen Auftreten und Gebaren das getreue Ebenbild ihrer Mutter, die bei aller Entschiedenheit ihres zuweilen etwas spröden Wesens sich niemals gehen ließ und deren stolzer Sinn mit einer ihr angeborenen bestrickenden Anmuth umhüllt war.

Auf der Hohkönigsburg waren jetzt unruhige Tage. Graf Oswald wartete beinahe mit Ungeduld auf die förmliche Absage seiner Gegner, der Rappoltsteiner und Rathsamhausen und ihrer Freunde, denn die Ungewißheit, in der er über ihre Absichten schwebte, war ihm ein schier unerträglicher Zustand. Er fürchtete sich vor ihrem Angriff nicht, denn in seiner überaus festen Burg, die mit allem Nöthigen zu Schutz und Trutz, mit Wehr und Waffen und mit Nahrungsmitteln für die bedeutend verstärkte Besatzung reichlich versehen war und auch einen Brunnen mit gutem Trinkwasser besaß, fühlte er sich ziemlich sicher und konnte auch eine längere Belagerung darin aushalten. Und doch wünschte er in seines Herzens Grund, den Kampf vermeiden zu können. Er selber konnte ihn nicht verhindern, konnte seinen Feinden nicht mit Friedensvorschlägen kommen, ehe der Friede gekündigt oder gebrochen war. Wenn man ihm aber eine Brücke zu einem Rückzuge mit Ehren baute, würde er nicht lange zögern, sie zu beschreiten.

Er saß und stöberte wieder einmal in alten pergamentenen Urkunden, Schutz- und Lehnsbriefen, an denen große Siegel in hölzernen Kapseln hingen. Sie gehörten zu dem landvogteilichen Archiv und handelten von Gerechtsamkeiten und Privilegien, von Obliegenheiten und Abgaben der einzelnen Herrschaften, Städte und Klöster, über die sich der Graf genau unterrichten wollte.

Wie erstaunt war er nun, als ihm während dieser Beschäftigung eines Morgens die Ankunft des Grafen Egenolf von Rappoltstein gemeldet wurde, der ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten ließ. Sofort fiel ihm der ebenso überraschende Besuch Bruno's von Rathsamhausen ein, aber diesmal verirrte er sich nicht wieder zu dem absonderlichen Gedanken, daß ihm der Sohn die Absage des Vaters bringen könnte, wenngleich Egenolfs Einritt in die Hohkönigsburg mindestens so auffällig und räthselhaft war wie damals der von Bruno. Den Rathsamhausen hatte die Sorge um seinen herzschlächtigen Rappen hergetrieben; was mag nun, mitten in den Vorbereitungen, einander aufs Blut zu befehden, den Rappoltstein herführen, fragte er sich, vielleicht auch so eine lächerliche Geschichte, auf die ein vernünftiger Mensch nicht im Traume kommt.

Egenolf trat ein und erschien in einer ungewöhnlich reichen Gewandung und mit einer ungewöhnlich feierlichen Miene, was den Grafen Oswald allerdings stutzen machte. Der Letztere forderte den Gast auf, Platz zu nehmen, und sah ihm gespannt, was sich da wohl entwickeln würde, ins Gesicht.

»Herr Graf,« begann Egenolf, »Ihr werdet von mir etwas so Unerwartetes hören, wie Ihr es Euch gar nicht denken könnt. Ich komme, und zwar, wie ich vorausbemerken will, nicht ohne Wissen und Genehmigung meines Vaters, um mir von Euch die Hand Eurer Tochter Gräfin Leontine zu erbitten.«