Als Herrn Burkhard die Flucht Loders gemeldet wurde, wollte er Anfangs gar nicht daran glauben und gerieth, als er es doch wohl oder übel mußte, in eine unbändige Wuth, von der er nur nicht wußte, an wem er sie austoben sollte. Der Schließer schwor bei allen Heiligen, die Thür heute Morgen fest verschlossen und unversehrt, das Gemach aber leer gefunden zu haben. Auf welche Weise war der so sicher Verwahrte nun entkommen? Aus dem Fenster konnte er nicht gesprungen sein, denn das Jeratheusgemach lag in so bedeutender Höhe über dem Erdboden, daß ein Sprung in die Tiefe dem ihn Wagenden unfehlbar den Tod bringen mußte. Der Reisige, der in der Nacht die Wache gehabt, wurde einem scharfen Verhör unterzogen, behauptete jedoch, auf seinen fleißigen Rundgängen nicht das Geringste von dem Ausbrechen des Gefangenen wahrgenommen zu haben. Trotzdem wurde er drei Tage lang in den Thurm gesperrt. An den Weg durch den Kamin dachte Niemand.

Burkhard stand vor einem Räthsel, und je länger er vergeblich über dessen Lösung tüftelte, desto mehr boßte er sich über die unbegreifliche Thatsache. Endlich kam er auf die naheliegende Vermuthung, daß seine lieben Rappoltsteiner bei der Befreiung ihres verhätschelten Günstlings die Hand im Spiele gehabt hätten. Aber wie? Der Schließer ließ sich nicht bestechen. Sollte sich Jemand bei Nacht in seine Kammer geschlichen, dem Schlafenden den Schlüssel zum Jeratheusgemach entwandt und nachher unbemerkt wiedergebracht haben? Das konnte dann nur Einer gethan haben, der im Schlosse wohnte. Und nun stieg dem Ergrimmten mit einem Mal ein dringender Verdacht auf seinen Sohn Bruno, den vertrauten Freund Egenolfs von Rappoltstein, auf. Sofort ließ er ihn zu sich bescheiden.

Aber Bruno war nicht daheim, war weggeritten, wie der Diener berichtete.

Weggeritten? – Aha! – »Sobald mein Sohn zurückkehrt, will ich ihn sprechen,« befahl er.

Sein Verdacht wurde damit zur Gewißheit: Bruno, von Egenolf dazu angestiftet, hatte Loder durch heimliche Aneignung des Schlüssels befreit und gab ihm nun zu Pferde das Geleit, bis der Flüchtige in Sicherheit war. Das sollte dem Aufsässigen, der mit seinen Feinden unter einer Decke zu stecken schien, übel bekommen.

Burkhard mußte geraume Zeit warten, bis Bruno vor ihm erschien, was ihn in eine immer gereiztere Stimmung versetzte. Er nahm sich vor, ihm die That auf den Kopf schuld zu geben, ihn damit zu überrumpeln und dermaßen zu verwirren, daß er nicht leugnen konnte.

So empfing er ihn denn mit der zornig barschen Frage: »Wohin hast Du Loder gebracht?«

»Wohin ich Loder gebracht habe? – Die Frage versteh ich nicht, Vater; was ist denn mit Loder?« erwiederte Bruno verblüfft.

»Thu nur nicht so, als wüßtest Du nicht, daß Loder auf und davon ist. Du hast ihm ausgeholfen,« fuhr Burkhard auf den Sohn los.