»Schweig!« unterbrach er sie heftig. Aber er selber schwieg jetzt, verwirrt nach Worten suchend. Sein Athem flog, seine Hände zuckten wie zum Erwürgen bereit. Endlich stieß er, sich mühsam beherrschend hervor: »Was schaffst Du hier? wozu bist Du gekommen? Du bist Deines Lebens keinen Tag sicher hier, und wenn ich auch meine Hand nicht mit Deinem Blute beflecken will, so bist Du doch verloren, wenn Dich der Pfeiferkönig entdeckt. Ich kann Dich nicht schützen, und ich will es auch nicht.«

»In dieser Tracht sucht mich Niemand,« sagte sie, gefallsüchtig auf das Ebenmaß ihres schlanken Wuchses zeigend, »nicht mal Ihr kanntet Eure Haschop.« Unwillig furchte er die Stirn. Sie aber fuhr mit schmeichlerischem Ton und einem verführerischen Lächeln fort: »Und was ich hier will? Euch noch einmal sehen, Graf Egenolf, letztes Mal, Abschied nehmen auf ewig, oder – oder soll ich – soll ich bleiben und wieder –?«

»Bist Du von Sinnen?« brauste er auf. »Nicht mehr denken will ich an Dich. Fort, fort! laß Dich nie mehr blicken! Du bist todt für mich, todt und vergessen, – mußt es sein.«

»Muß ich sein? todt und vergessen?« Ein unheimliches Licht flackerte in den Augen der Zigeunerin auf, das aber schnell wieder erlosch. »Dann lebt wohl, Graf Egenolf!« sprach sie wehmüthig und fügte bittend hinzu: »Nur diesen einen noch, den letzten, allerletzten!« Und mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen und verlangenden Lippen näherte sie sich ihm in zitternder Erregung.

Er wies sie schroff ab, einen Schritt von ihr zurückweichend.

Da flammten Haß und lechzende Rachgier unter ihren schwarzen Brauen hervor, und mit einem Panthersprunge warf sie sich auf ihn. Mit ihrem linken Arm umschlang sie seinen Nacken, und im gleichen Augenblick fühlte er unversehens einen Kuß auf seinem Munde und einen Messerstich an seiner Hüfte. Egenolf wollte die Tückische packen und festhalten, aber schlangenhaft geschmeidig entglitt sie ihm, und hohnlachend: »Nun wirst an mich denken!« floh sie in das Gebüsch, gleich so spurlos darin verschwindend, daß er sie nicht verfolgen konnte.

Er stand regungslos, wie betäubt von dem mordlichen Überfall und bohrte den Blick in den schweigenden Wald. Da spürte er es feucht werden unter seiner Gewandung. Das brachte ihn zum Bewußtsein dessen, was geschehen war, und er preßte die Hand auf die Wunde, das sickernde Blut zu dämmen. Der Stoß war niedriger gegangen, als er gezielt war, hatte den Knochen getroffen und war daher nur wenig eingedrungen; zwei Daumenbreit höher, und er wäre verhängnißvoll geworden. Egenolf wandte sich und schritt eilig wieder bergan.

Unterwegs stieg ihm die Vermuthung auf, die sich allmählich zur Überzeugung steigerte, daß Haschop nicht seinetwegen gekommen war zu dem Versuche, wieder mit ihm anzubandeln, sondern als von Rathsamhausen entsandte Späherin, die jeden Weg und Steg hier kennend zu solchem Dienste durchaus geeignet war. Er mußte es seinem Vater mittheilen, daß sie hier in unmittelbarer Nähe der Burg umlauert und beobachtet wurden, damit man seine Maßregeln danach treffen konnte. Aber die Zigeunerin nennen und seinem Vater den Verlauf seiner Begegnung mit ihr erzählen durfte er nicht und sann nun darüber nach, wie er seinen Bericht über das Erlebniß, das ihn doch tiefer erschüttert hatte, als er sich selber eingestehen mochte, gestalten sollte.

Auf der St. Ulrichsburg kleidete er sich um und verband sich die Wunde, die ihm trotz des Schmerzes, den sie ihm verursachte, von so geringer Bedeutung schien, daß er hoffte, sie den Seinigen verheimlichen zu können.

Darauf begab er sich zu seinem Vater und meldete ihm die gemachte Entdeckung mit den Worten: »Vater, wir werden auskundschaftet; unweit des Burgweges sah ich einen Kesselflicker umherschleichen. Er kann leicht erlauscht haben, was die von hier abreitenden Herren etwa über den Kriegsrath unter einander gesprochen haben.«