Leontine empfing ihn freudestrahlend. »Ich wußt' es, daß Du kommen würdest,« rief sie, als sie ihm bei seinem Eintritt ins Zimmer entgegenflog, »meine Sehnsucht hat Dich wie an langer Kette herbeigezogen.«

»Sie brauchte nicht eben stark zu ziehen,« lächelte er, »meine eigene Sehnsucht schob kräftig nach, und so muß es dem Rhenus wohl leicht geworden sein, mich hier herauf zu tragen; er hastete förmlich bergan, als trottete er auf ebenem Wege dahin.«

»Wüßt' ich nur, was ich ihm zu Gute thun könnte, daß er Dich aus der Fehde mir heil und gesund zurückbringt!«

»Er wird es, Leontine!« sprach Egenolf, »eine frohe Ahnung läßt mich hoffen, daß mir nichts Schlimmes widerfahren wird. Ich habe ja einen holdseligen Schutzengel, der mich mit seinen Gedanken und Wünschen beständig umschwebt.«

»Tag und Nacht, Egenolf!« fiel sie ein und umschlang ihn innig, als wollte sie jetzt schon seine Brust vor feindlichem Speer und Geschoß schirmen und decken.

Sie waren beide allein im Gemach und blieben es auch. Graf Oswald hatte jetzt weder Zeit noch Lust, Besuche zu empfangen, am wenigsten einen, der ihm nicht galt, und Gräfin Margarethe gönnte den Liebenden diese Stunde ungestörten Glückes, vielleicht auf lange Zeit die letzte, der sie sich erfreuen durften.

Nun saßen sie dicht an einander geschmiegt auf einer Fensterbank, blickten sich aber mehr in die Augen als auf die Berge und Thäler und in das offene Land hinab, das sich tief unten so friedlich breitete, als drohte ihm nicht Waffengetöse und Hufgestampf.

Sie wollten von ganz anderen Dingen reden als von der Fehde und schlugen bald diese, bald jene Saite bei ihrer Unterhaltung an, kamen aber unwillkürlich immer wieder auf die nächstkünftigen Ereignisse zu sprechen, rechneten und wogen die Streitkräfte der feindlichen Parteien gegen einander ab und riethen hin und her, wann und in welcher Gegend wohl das erste Treffen stattfinden und zu wessen Gunsten es enden würde. Egenolf hatte jedoch dabei durchaus nicht den Eindruck, als wenn sich Leontine einer, wenn auch nicht überflüssigen, so doch nutzlosen Bangniß um ihn oder ihren Vater hingäbe. Er kannte ihr muthiges Herz, das sich vor Gefahren nicht fürchtete, denen mit Entschlossenheit und Tapferkeit zu begegnen war.

»Weißt Du, was ich möchte, Liebster?« sagte sie mit funkelnden Augen. »Einen Panzer anthun und mit Dir ins Gefecht reiten. Einen leichten Speer kann ich allenfalls auch schwingen, und fangen sollten sie mich nicht, denn einen so schnellfüßigen Renner wie meine Daphne giebt es hüben und drüben nicht. Mit lang flatternden Haaren wie eine Walküre wollte ich neben Dir dahinsausen und in der Schlacht den Schild über Dich halten, mein blonder Recke!«

»Und zuletzt mich als gefallenen Helden auf Deinem Rosse, in Deinen Armen nach Walhall zu den Einheriern tragen,« lachte er, »nicht wahr?«