»Wer wird es ihm beibringen?« fragte Dürkheim, »Philipp, Du?«

»Ich? nein! ich richte bei meinem Bruder nichts aus. Das kann nur Müllenheim,« erwiederte Philipp.

»Ich übernehm' es,« erklärte Jost. »Graf Thierstein wird mir eine Unterredung mit seinem Gefangenen nicht verwehren.«

»Ich beneide Euch um diesen Gang nicht, Herr Jost von Müllenheim,« lachte der Dagsburger höhnisch.

»Glaubt Ihr, daß er mir Freude macht, Graf Schaffried? ich trete ihn Euch gern ab, wenn Ihr Lust dazu habt,« entgegnete ihm Müllenheim scharf.

»Auf gute Verrichtung, Jost!« sprach Henning, der einem drohenden Wortstreit zwischen den Beiden durch einen gemeinsamen Trunk vorbeugen und damit zugleich das Zeichen zum Aufbruch geben wollte.

Sie leerten ihre Becher und erhoben sich, mit den Harnischen klirrend und rasselnd, vom Tische, um unten die Rosse zu besteigen und von der Frankenburg abzureiten. –

Burkhard befand sich auf der Hohkönigsburg in einem so bequemen Gewahrsam und genoß einer so vorzüglichen Pflege, wie er sich beides nicht besser wünschen konnte. Pater Eusebius kam täglich, seine Wunde zu behandeln und die Heilung des gebrochenen Schlüsselbeines zu bewirken. Außer diesem aber und seiner Bedienung wollte der langsam Genesende Niemand sehen und hatte sich den ihm zugedachten Besuch des Grafen Oswald entschieden verbeten, man sollte ihn in Ruhe lassen, er wollte allein sein. Mit verbundener Schulter saß er in finsterem Brüten oder schaute sehnsüchtig in das weite Land hinaus, wo die Freiheit winkte und in der Ferne wie ein verführerisch zwinkerndes Auge ein Stück vom Spiegel des Rheines blitzte. Er sah die Wolken am Himmel ziehen und hörte den Wind in den Bäumen rauschen, beständig fürchtend, daß er das nicht lange mehr können, daß man ihn nach Fehderecht bald aus seiner wohnlichen Krankenstube hier in den Thurm werfen und dort elend verkommen lassen würde. Aber die Hoffnung ließ er nicht sinken, daß seine Freunde die größten Anstrengungen zu seiner Befreiung machen würden. Sie würden gewiß nicht still sitzen und müßig bleiben, sondern neue Kräfte sammeln und den Feind wieder und wieder angreifen. Vielleicht glückte es ihnen auch im weiteren Verlauf der Fehde, einen der hervorragendsten Gegner, wo möglich einen Rappoltstein, gefangen zu nehmen, gegen den er dann ausgetauscht werden könnte. Andere Mittel und Wege zu seiner Befreiung als die siegreiche Hilfe seiner Freunde sah er nirgend, denn nun und nimmer würde er sich dazu herbeilassen, sich vor dem Thiersteiner zu demüthigen und wußte daher nicht, wie lange Zeit, wie viele Jahre vielleicht er die Pein der Gefangenschaft zu tragen haben würde, er, der Alles eher ertrug als den Zwang, sich dem Willen eines Anderen fügen zu müssen. –

Nach Verlauf einer Woche wurde ihm der Besuch Schmasmans gemeldet. Aber auch ihn wollte er nicht empfangen. »Nein, nein!« rief er, »ich will ihn nicht, er soll mir nicht vor die Augen kommen.«

Schmasman jedoch, schon dicht vor der nicht ganz geschlossenen Thüre wartend, hörte den unfreundlichen Bescheid und trat auch ohne die ertheilte Erlaubniß mit den Worten ins Zimmer: »Ich lasse mich nicht abweisen, Burkhard. Hier bin ich; hinauswerfen kannst Du mich nicht, mußt hören, was ich Dir zu sagen habe.«