Die dadurch entstehende Pause benutzte das Alter und die Jugend zu freier Bewegung und traulicher Aussprache. Die jungen Herren und Fräulein wandelten auf und ab oder standen in Gruppen umher, und dabei fanden sich wie zufällig Egenolf und Bruno mit den Gräfinnen Imagina, Isabella und Leontine zusammen.

Die beiden Jungherren trachteten wieder sehr danach, sich Leontinens Gewogenheit zu erringen, was der Vielumschwärmten nichts weniger als unangenehm zu sein schien. Sie hatte auch gewiß das Bestreben, den Sonnenschein ihrer Gnade auf beide gleichmäßig zu vertheilen, aber die helleren, wärmeren Strahlen fielen doch auf Egenolf. Sie lieh seinen Worten ein geneigteres Ohr, gab ihm eingehendere Antworten, hatte für ihn einen holderen Blick und ein häufigeres Lächeln als für Bruno, was diesem nicht entging und ihm eine sacht aufsteigende Eifersucht auf den glücklicheren Freund einflößte. Isabella bemühte sich, ihn für diese, Leontinen vielleicht gar nicht bewußte Zurücksetzung gegen ihren Bruder durch doppelte Freundlichkeit zu entschädigen, hatte damit aber nicht den gewünschten Erfolg bei ihm, denn Bruno ließ nicht ab, sich mit seinen Höflichkeiten immer wieder Leontinen zuzuwenden, bei der sie doch nicht die verdiente Würdigung und Erwiederung fanden. Da gab Isabella ihre vergeblichen Versuche, ihn zu trösten und zu fesseln, allmählich auf und wurde schweigsam und in sich gekehrt.

Dieses, für einen feinen Beobachter so unterhaltsame Spiel hatte einen solchen an der Fünften des kleinen Kreises, an Imagina, hier das fünfte Rad am Wagen, wie sie sich selber sagte. Sie hatte sich an den Gesprächen nur mit kurzen, hin und wieder eingestreuten Bemerkungen betheiligt, dafür aber desto schärfer auf das gepaßt, was sich hier vor ihren sehenden Augen immer deutlicher gestaltete und entfaltete, so daß sie in den Herzen der anderen Vier richtig zu lesen glaubte.

Endlich mahnte der älteste Meister durch Klopfen mit seinem Stabe, für eine neue Aufführung Platz zu machen und Ruhe zu halten.

Und nun sollte sich den erwartungsvoll Gespannten ein entzückendes Schauspiel darbieten.


VII.

In der wieder freigewordenen Mitte der Halle standen mit einem Male ohne daß man wußte, wie sie so schnell dahin gekommen waren, ein Zigeuner und ein junges Mädchen, seine Tochter.

Sie waren die Mitglieder einer Bande gewesen, die vor etwa zehn Jahren auf ihren Wanderfahrten auch Rappoltsweiler heimgesucht hatte, waren durch die schwere Krankheit der Gattin des Mannes hier lange festgehalten und nach deren Tode hängen geblieben. Man hatte Mitleid mit dem armen Menschen und seinem halbwüchsigen Mädchen gehabt, sie hier geduldet, und da er ein stiller und geschickter Mann war, der sich mit allerlei Flickarbeit an zerbrochenem Geschirr ehrlich zu ernähren suchte, hatte man ihn, nachdem er sich mit seiner Tochter in der Kirche des heiligen Gregorius hatte taufen lassen, zu der Bruderschaft der Kessler, d. h. der Kupferschmiede und Kesselflicker zugelassen, welche der Herr von Rathsamhausen beschirmte wie der Graf von Rappoltstein die Pfeiferbruderschaft. Und da er ferner ein Meister im Geigenspiel war, fand er auch willige Aufnahme in dem großen Spielmannsbunde. Sie bewohnten eine außerhalb der Stadt einsam im Walde gelegene Hütte. Der Mann war in Ausübung seines Handwerkes viel unterwegs, wobei er wohl seine Geige, aber nicht seine Tochter mitnahm. Diese schweifte wie ein scheues Wild im Walde umher, und man wußte nicht recht, wovon sie in Abwesenheit ihres Vaters lebte, munkelte deßhalb von einem heimlichen Beschützer, der liebevoll für sie sorgen sollte, obwohl man sie außer in der ihres Vaters nie in Begleitung eines Mannes sah und ihr nichts Übeles nachsagen konnte.