Der Mann, Namens Farkas, war mit Haut und Haaren ein echter Zigeuner, und auch seiner Tochter Haschop sah man ihre Abstammung auf den ersten Blick an. Sie war von Antlitz nicht eigentlich schön zu nennen, aber auf der schlanken, geschmeidigen Gestalt, dem braunen Gesicht mit dem üppigen, schwarzen Haar, das sie heute ganz mit Blumen besteckt hatte, den blitzenden Augen und den weißen Zähnen zwischen den rothen Lippen lag ein unsagbarer sinnlicher Reiz und Zauber ausgegossen.

Da standen die Beiden nun. Farkas in seiner Zigeunertracht, hoch aufgereckt, die Geige unter dem Kinn, den Bogen in der Hand, und Haschop in kurzem Kleid und eng anschließendem Mieder über dem blühenden Wuchs, den Oberkörper etwas zurückgebogen, die Arme in die Seiten gestemmt, den linken Fuß vorgestreckt, daß nur die Spitze den Boden berührte, wie ein bronzenes Gebild, von Künstlerhand geformt. Beim ersten Geigenstrich sprang sie an zu einem bacchantischen Tanz. Anfangs hielten sich Melodie und Bewegungen in gemessenem Takt. Die Tänzerin schritt gleichsam zaudernd vor und zurück, verharrte eine Sekunde lang in malerischer Stellung, drehte sich, wand sich mit ruhiger Anmuth und wiegte sich mit leisem Schwanken in den Hüften. Allmählich aber wurden Spiel und Tanz lebhafter und immer lebhafter. Das Mädchen fing an, die Töne der Geige mit dem Tambourin zu begleiten, das sie mit vollendeter Geschicklichkeit handhabte. Da war es, als ob die beiden Instrumente einander anriefen und antworteten, sich mit ihren Klängen verflochten und verschmolzen, zu immer schnellerem, kühnerem Reigen einander hinrissen. Die Geige jubelte und jauchzte in raschen Läufen und Sprüngen, das Tambourin rollte und summte, klingelte und rasselte mit seinen Schellen. Mit gefälliger Rundung in der Haltung der Arme schwang und schlug es Haschop bald in der Rechten, bald in der Linken, bald über dem Haupte, warf es hoch und fing es wieder auf. Dabei ward ihr Tanz immer noch flinker, ausgelassener, wilder. Sie schwebte, flog und flatterte hinüber und herüber, neigte sich, beugte sich, schnellte empor und schüttelte die Locken; auf ihrem Angesicht flackerte ein dämonisches Feuer, aus ihren Augen sprühte eine schwer gezügelte Leidenschaft. Mit allen ihren in weichen Linien ausgeführten Schwenkungen aber überschritt sie niemals die Grenzen der Schönheit und natürlichen Anmuth.

Und seltsam! es war, als ließe die nicht Ermüdende all ihre Künste nur vor Einem spielen unter den Vielen hier, die mit starrer Bewunderung dem sinnberauschenden Tanze der selber tief Erregten folgten. Und dieser Eine war Egenolf, der neben Leontine in der vordersten Reihe stand. Als wäre er der einzig zu Feiernde hier, dem allein zu Ehren und zu Liebe sie sich in ihren verführerischen Bewegungen und Stellungen zeigte, wandte sie sich damit immer nur ihm zu, was ihn in sichtliche Verlegenheit setzte. Wenn ihr Blick dann zufällig Leontinen streifte, so glitt ein spöttischer Ausdruck über ihre Züge, und sie umgaukelte die stolze Gräfin in einer halb neckischen, halb herausfordernden Weise. Sie zog eine Blume aus ihrem Haar, bot sie im Vorüberschwirren Leontinen an, und als diese danach griff, zuckte Haschop schnell zurück und warf sie Egenolf zu. Eine Blume nach der anderen löste sie sich, sie bald Egenolf, bald Schmasman, bald dem Pfeiferkönig zuschleudernd, vom Haupte, wodurch ihr Haar den Halt verlor und nun frei und lang ihr über Schultern und Rücken wallte, daß es sie im Wirbel des Tanzes umflog und umwogte.

Endlich gab sie ihrem Vater einen Wink; er schloß sein gluthvolles Spiel mit einem kräftigen Ausklang, und wieder stand die Tänzerin einen Augenblick regungslos gebannt wie ein Bild von Erz. Dann mit heißem Blick eine grüßende Beugung vor Egenolf, – und weg war sie, wie untergetaucht, in der Menge verschwunden.

Die Versammlung war erst wie betäubt von dem genossenen Schauspiel, dem Glanzstück des ganzen Abends. Dann aber brach der Jubel los und brauste wie eine mächtige Welle durch den Saal. Farkas ward umdrängt und beglückwünscht, selbst Schmasman und Loder kamen zu ihm und drückten dem damit hoch Geehrten die Hand. Nach Haschop suchte man vergebens; Niemand wußte, wo sie geblieben war.

Egenolf aber war verstimmt; ihn hatte die ihm von der Zigeunerin so auffällig dargebrachte Huldigung beunruhigt, weil er befürchtete, daß man daraus Schlüsse auf geheime Beziehungen zwischen ihm und dem heißblütigen Mädchen ziehen würde. Und daß dies wirklich geschah, merkte er bald an den neugierig fragenden Blicken, mit denen er angesehen wurde. Das mußte er als Folge von Haschops unbesonnenem Gebaren über sich ergehen lassen, aber mit tiefem Gram erfüllte ihn die Wahrnehmung, daß auch Leontine einen derartigen Verdacht gegen ihn gefaßt zu haben schien. Auch aus ihren Augen traf ihn ein mißtrauischer Blick, und sie war einsilbig und nachdenklich geworden. Was sollte, was konnte er thun, sie von dem Argwohn, daß er mit Haschop näher bekannt sei, abzubringen? er konnte ihr doch nicht sagen: das ist vorbei, seit ich Dich erblickt, Dein Bild im Herzen trage. Rathlos stand er neben ihr und las in ihrem ernsten Gesicht seine Verurtheilung.

In dieser Bedrängniß kam ihm die kluge Imagina zu Hilfe, die seine mißliche Lage Leontinen gegenüber begriff und entschlossen war, ihn daraus zu befreien, indem sie ihm Gelegenheit gab, sich zu rechtfertigen.

Sie trat an die Beiden heran, erging sich in Lobeserhebungen über den berückenden Tanz der Zigeunerin und fügte, mit dem Finger drohend, neckisch hinzu: »Und Dich, Egenolf, scheint sie ganz besonders in ihr Herz geschlossen zu haben; es war ja wahrhaftig, als wenn sie nur für Dich hier tanzte. Hab' ich nicht Recht, Gräfin Leontine?«

»Es hatte allerdings fast den Anschein,« gab Leontine beklommen zur Antwort.

»Siehst Du!« fuhr Imagina fort, »nimm Dich nur in Acht, daß Du ihr nicht ins Netz gehst!«