Auf dem die Stadt Rappoltsweiler mächtig überhöhenden Berge standen die drei Rappoltstein'schen Schlösser. Als oberstes, auf des Berges Gipfel weit sichtbar, Burg Hohrappoltstein, des Grafen Wilhelm festes Haus mit dem ragenden Bergfried, als unterstes auf einem westlichen Vorsprung die große St. Ulrichsburg, Schmasmans fürstlicher Herrensitz, und dicht dabei, nur wenig höher gelegen, das auf einem steil aufsteigenden Felsgrat frei und schwindlig in die Luft gethürmte kleine Schloß Giersberg, Kaspars und Imagina's sturmtrotzendes Heim. Die St. Ulrichsburg mit ihren weiten, prächtig ausgestatteten Räumen betrachteten sämmtliche Mitglieder des gräflichen Geschlechts als ihr eigentliches, gemeinsames Hoflager. Dort trafen sie sich zu einmüthiger Geselligkeit und zu glänzenden Gastmählern, dort hielten sie Familienrath und feierten dort ihre Gedenktage und traulichen Feste.
Heute, am zweiten der Pfeifertage, sollte auf der St. Ulrichsburg nach altem Herkommen etwas vorgehen, das die Rappoltsteiner auch als eine Art Familienfest ansahen, obwohl die daran Theilnehmenden mit dem Schloßherrn nicht im Entferntesten blutsverwandt oder verschwägert waren. Die empfangenden ritterlichen Wirthe konnten auch keine Gäste dazu einladen, als die sie gerade über Nacht bei sich beherbergt hatten, weil schon bald nach Sonnenaufgang Alles dazu bereit sein mußte. Nur Graf Kaspar und Gräfin Imagina wollten dabei nicht fehlen und waren, den kurzen Weg von Giersberg herübereilend, rechtzeitig zur Stelle.
Es galt die alljährlich seinem Lehnsherrn aufs Neue darzubringende Huldigung des Spielmannsvolkes.
Zu früher Morgenstunde kamen sie von Rappoltsweiler heraufgezogen. In dem großen Burghof nahmen sie, so viele dort Platz fanden, Aufstellung, und eine auserlesene Schaar spielte eine ernste, getragene Weise. Dann trat Loder unten ein paar Schritte vor, setzte seine Trompete, die er ausnahmsweise heute mitgebracht hatte, an die Lippen und blies unter lautloser Stille seinem Gebieter zu Ehren eine schmetternde Fanfare mit kunstvollen Gängen und Figuren, die einen ausdauernden Athem erforderten. Wie auf einen Lockruf erschien jetzt Schmasman mit den Seinen auf einem Altan über dem Hofe und nickte und winkte seinem alten Trumpeterhans von oben freundlich zu. Dieser sprach nun, nach Beendigung seines Meisterstückes, die ein für allemal feststehenden Worte zum Altan hinauf, mit denen er im Namen der Pfeiferbruderschaft gelobte, ihrem edlen Schutzherrn allzeit hold und gewärtig, dienstbar und ergeben zu sein. Alle erhoben die Hand zum Treuschwur, und wie aus einem Munde erscholl der brausende Ruf: »Heil und Segen unserm gnädigen Schutzherrn, Grafen Maximin von Rappoltstein!«
Schmasman dankte den Versammelten und versprach, ihnen nach seinem besten Wissen und Können ein gewogener und gerechter, theilnahmsvoller und thatkräftiger Schützer und Schirmer in allen ihren Rechten und Gepflogenheiten sein zu wollen, dessen Ohr Jedem offen stünde, der mit einer Bitte oder einer Beschwerde zu ihm käme.
Sie jubelten ihm noch einmal zu und fielen mit einer heiteren Melodie in den allgemeinen Freudenrausch ein.
Damit war der pflichtgemäße Theil der Begrüßung zu Ende, und der ungebunden fröhliche nahm seinen Anfang.
Dieser bestand in einer freigebigen Bewirthung mit Wein und Backwerk und in traulicher Unterhaltung der Herrschaften mit den sie umringenden Spielleuten jedes Alters und Geschlechts. Indeß das Burggesinde Speise und Trank an die ohne Blödigkeit Zugreifenden vertheilte, mischten sich die Grafen und Gräfinnen Rappoltstein und mit ihnen die drei Rathsamhausen unter alle die Hunderte der Heraufgekommenen und plauderten und scherzten mit ihnen in huldvoller Weise.
Hans Loder, der Pfeiferkönig, wurde dabei vor Allen geehrt und bevorzugt; besonders die Damen hatten ihr Wohlgefallen an der stattlichen und würdigen Erscheinung und ihren Spaß an den launigen Reden und Antworten des graubärtigen Helden.