»Nur einer, Herr Graf!« erwiederte der Diener, »Jungherr Bruno von Rathsamhausen wird an der Tafel theilnehmen.«

»So! schön! ich komme sogleich.«

Der Diener verschwand. Oswald schüttelte den Kopf und sprach zu sich: »Das wird immer lustiger. Beim Wein hat die Geschichte angefangen, beim Wein wird sie fortgesetzt.«

Die Thierstein'schen Damen, die von dem bösen Streit des Grafen mit Burkhard nichts wußten, fanden Bruno's Besuch ganz in der Ordnung, da er bei dem großen Fest ihr Gast hier im Schlosse gewesen war. Mit zwiespältigem Gefühl aber vernahm Isabella seine Ankunft. Theils freute sie sich, Den wiederzusehen, den sie nur allzu gern sah, theils sagte sie sich: er kommt nur Leontinens wegen. Leontine jedoch hatte die gleiche Vermuthung in Bezug auf Isabella, und ihr, von einem ahnungsvollen Lächeln begleiteter Blick trieb der Freundin das Blut in die Wangen, denn sie las darin die Frage: ein verabredetes Stelldichein?

Bruno selber stutzte, als er, zu seiner nicht ganz freudigen Überraschung, Isabella hier vorfand, näherte sich ihr aber nach Begrüßung der Thierstein'schen Damen mit größter Artigkeit und Freundlichkeit.

Leontine war Anfangs heiter entgegenkommend ihm gegenüber und ermunterte ihn zum Gespräch, in das sie so viel wie möglich Isabella hineinzog mit der Absicht, den Beiden das von ihnen doch wohl gewünschte Vertrautwerden mit einander zu erleichtern. Sobald sie aber aus Bruno's Gebaren die Voraussetzung dieses Wunsches als einen Irrthum erkannte und es sich herausstellte, daß er sie selber wieder wie Abends in der Festhalle zu Rappoltsweiler vor Isabella auffallend bevorzugte, und vollends als sie beobachtete, daß Isabella dabei immer stiller und ernster, fast traurig wurde, durchschaute sie die Lage der Dinge und sah, daß hier zwei Herzen waren, deren Neigung nicht erwiedert wurde. Von da an benahm sie sich zurückhaltend und kühl gegen ihn, um ihn über ihre Empfindungen nicht im Unklaren zu lassen. An eine wirkliche Leidenschaft Bruno's glaubte sie nicht und gab deßhalb die Hoffnung nicht auf, das von ihr verschmähte Herz des ritterlichen jungen Helden ganz leise ihrer Freundin Isabella zuführen zu können, an deren heimlicher Liebe sie nicht mehr zweifelte.

Gräfin Margarethe, der weder die Huldigung, die Bruno Leontinen darbrachte, noch deren Ablehnung seitens ihrer Tochter entging, hielt es nicht für nöthig, ihren Gemahl früher rufen zu lassen, als bis die Mittagstafel im Nebengemach bereit stand.

Jetzt erschien Graf Oswald und begrüßte den Sohn seines Gegners mit gemessener, aber tadelloser Höflichkeit.

Bruno verneigte sich vor ihm und sprach: »Verzeiht den Überfall, Herr Graf! ich wollte Euch und Euren Damen meinen Dank aussprechen für die gastliche Aufnahme, die auch ich hier bei Euch gefunden habe. Und dann« – er stockte – »und dann führt mich auch noch ein anderer Beweggrund auf die Hohkönigsburg.«