»Ihr seid mir willkommen, Jungherr!« sprach Oswald, der mit seiner Verwunderung kaum noch an sich halten konnte. »Wilhelm,« rief er dem eben mit seiner Gemahlin eintretenden Bruder zu, »Jungherr Bruno von Rathsamhausen kommt zu dem Zwecke, sich bei unserem weit und breit berühmten Isinger weisen Rath für eine Pferdekur zu holen.«

Graf Wilhelm blickte verdutzt vom Einen zum Andern, ob er denn recht gehört hätte, und mußte seine Gedanken erst wieder sammeln, ehe er Bruno die Hand reichen und sprechen konnte: »Da kommt Ihr vor die rechte Schmiede, Jungherr!«

Gräfin Katharina fügte, als sich Bruno ihr nahte, hinzu: »Der Isinger weiß für Alles Rath, und nicht bloß bei Thieren. Auch mir hat er schon einmal ein Tränklein gebraut, das mich von einem quälenden Husten befreite.«

»Und jetzt kommt zu Tische!« sagte Oswald, »der Stallmeister läuft uns nicht fort.«

Man begab sich zu Tische, und Jeder nahm den Platz ein, den ihm die Wirthin bestimmte.

Bruno saß den beiden jungen Gräfinnen gegenüber und kam im Verlauf des Mahles immer gründlicher zu der Einsicht, daß er sich auf Leontinens Gunst keine Hoffnung machen durfte. Sie sprach wenig mit ihm und gab ihm nur kurze Antworten, wenn sie auch aus Rücksicht auf Isabella nicht unfreundlich gegen ihn war. Dagegen nahm Isabella's anmuthiges, liebenswürdiges Wesen den sich damit Tröstenden mehr und mehr gefangen, und wenn er ihr beim Reden in die Augen sah, so traf ihn daraus ein warmer Strahl, der ihm zu Herzen drang. Er war keineswegs eine flatterhafte Schmetterlingsnatur, die sich von einem Blüthenkelche schnell zum andern schwingt, aber eine Wandlung, ihm selbst noch unbewußt, ging doch in ihm vor; er fühlte sich mit einem Male zu Isabella hingezogen, obwohl sie nichts that, ihn an sich zu fesseln.

Nach Aufhebung der Tafel schlug Graf Oswald seinem Gast einen Rundgang innerhalb der Umwallung vor und verfolgte damit einen ganz bestimmten Plan. Er wollte dem Rathsamhausen auf Schritt und Tritt die Stärke der neu erbauten Burg zeigen, damit dieser sich von ihrer Uneinnehmbarkeit überzeugen und seinem Vater darüber berichten sollte. So führte er ihn denn von Werk zu Werk, von Thurm zu Thurm und erklärte ihm den für die Vertheidigung wohlbedachten Zweck jeder einzelnen Anlage, so daß Bruno am Schluß der langen Wanderung freiwillig gestand, eine so stark befestigte Burg noch nie gesehen zu haben.

Der Graf nahm das mit Befriedigung auf, aber seltsam war ihm doch zu Muthe, wie er hier dem Sohne des Mannes, von dem er nur Feindschaft, Angriff und Kampf zu erwarten hatte, so gastfreundliche Ehren erwies. Was wird Burkhard sagen, dachte er, wenn ihm Bruno von der Aufnahme erzählt, die er ohne Wissen und Willen des Vaters in den Mauern der Hohkönigsburg und an dem Tische des gehaßten Burgherrn gefunden hat! Aber er ließ seinen Gast von diesen Betrachtungen nichts merken und sprach: »Nun kommt zu unserem vielgewandten Kurschmied!«

Sie gingen zum Marstall und trafen den Stallmeister in der Schmiede allein. Bruno klagte ihm die Leiden seines schwarzen Lieblings daheim im Stalle und bat um Angabe eines Heilmittels.

Isinger stellte eine Reihe von Fragen an Bruno über die Dauer der Unpäßlichkeit, über deren äußere Kennzeichen, über Fütterung und Freßlust des Thieres und mehr dergleichen, konnte aber aus Bruno's Antworten nicht recht klug werden und kam zu der Überzeugung, daß die Sache unmöglich von der Bedeutung sein könnte, um dieserhalb, zur Einholung seines geschätzten Gutachtens einen Ritt nach der Hohkönigsburg zu unternehmen. Ein paar Tage Schonung würden genügen, das Unwohlsein des geliebten Rappen zu verflüchtigen.