Das sagte der schlaue Stallmeister aber nicht; von seiner Kur sollte der Kranke gesund werden. Er setzte daher eine bedenkliche Miene auf und sann über den schweren Fall nach. Ihm kam der Gedanke, ob vielleicht sein alter Freund Hans Loder hier die Hand im Spiele und ihm den Jungherrn auf den Hals geschickt hatte, um seine vielgepriesene Heilkunst auf die Probe zu stellen, oder ob Hans den leichtgläubigen Jungherrn selber zum Narren haben wollte, bei welchem Possen Isinger natürlich gern half.
Er that sehr wichtig und erklärte: »Euer Rappe ist dämpfig und herzschlächtig, Herr, aber dem ist beizukommen, wenn die richtigen Mittel dagegen angewandt werden.« Nun mischte er aus seinem Vorrath siebenerlei getrocknete Kräuter zu einem Häufchen zusammen, übergab dies Bruno und sagte: »Aus diesen heilkräftigen Kräutern müßt Ihr mit Wasser, Branntwein und Honig zu gleichen Theilen einen Sud bereiten lassen; aber es gehört noch etwas dazu, was ich augenblicklich nicht habe, nämlich Herz und Galle von einem Raben, die mit hineingekocht werden müssen. Nun, Ihr schießt Euch einen, und dann ist der Trank bald hergestellt, von dem Ihr dem Rappen täglich drei Löffel voll einschütten laßt. Nun weiß ich aber noch ein Geheimmittel, das unfehlbar wirkt. Um es Euch mittheilen zu können, muß ich jedoch den Herrn Grafen bitten, uns allein zu lassen, denn nur Der darf es hören, der es gebrauchen will, sonst hilft es nicht.«
»Ich gehe schon,« sprach Graf Oswald und entfernte sich mit verhaltenem Lachen aus der Schmiede, denn er ahnte, daß jetzt der Schalk, der seinem durchtriebenen Stallmeister im Nacken saß, hervorkommen und dem Jungherren eine gehörige Nase drehen würde.
»Also, Jungherr,« fuhr Isinger nun fort, »Ihr müßt Euren Rappen täglich dreimal, Morgens, Mittags und Abends, mit einem rothen Frieslappen aus dem Rock eines Gehenkten abreiben, aber Niemand darf es sehen oder davon wissen.«
»Ja, um Gottes willen! wo soll ich denn den schauerlichen Lappen hernehmen?« fragte Bruno fast entsetzt. »Muß ich etwa zu dem Zweck erst einen armen Sünder an die Herberge zu den drei Säulen liefern?«
»Nicht nöthig; im Henkerlehen findet Ihr dergleichen.«
»Im Henkerlehen?«
»Ja; das Henkerlehen, müßt Ihr wissen, ist ein einträglicher Hof bei Oberehnheim, und sein Lehensträger hat die Verpflichtung, die Kosten der in Barr, Oberehnheim und Rosheim stattfindenden Hinrichtungen zu bestreiten, wogegen ihm die Kleider der Gehenkten, Geköpften und Geräderten als Eigenthum zufallen.«
»Eine recht erbauliche Erbschaft!« lachte Bruno.
»O, sie bringt dem Manne viel ein; derlei Dinge werden stark begehrt und theuer bezahlt, denn in den Kleidern und einzelnen Gliedern von Gerichteten stecken Zauberkräfte,« flüsterte Isinger.