Am 2. November vormittags wurden abermals starke Rauchwolken gemeldet. Es war ein ganzes Geschwader, das da im Anmarsch schien. Voran ein Kriegsschiff, ein Kleiner Kreuzer, dahinter mehrere große Transporter. Alles in allem vierzehn Stück. Die Engländer gingen anscheinend aufs Ganze. Von unserer Anwesenheit durfte natürlich nichts verraten werden und der Gegner hatte auch sicher keinen Schimmer, daß uns das Erscheinen seines Schiffes tags zuvor schon alles mögliche berichtet hatte. Wir hatten außerhalb der Stadt Stellungen bezogen, hielten uns aber vor den Blicken der Engländer völlig verborgen.

Von einem der Kriegsschiffe stieß sofort nach dem Ankern eine Pinasse mit der Parlamentärflagge ab, kam in den Hafen und forderte in bekannter englischer Bescheidenheit nicht mehr und nicht weniger als die bedingungslose Uebergabe der Stadt. Die Antwort war selbstverständlich ein glattes »Nein«. Sie waren sogar so gnädig gewesen, uns eine Frist zu bewilligen. Unsere Weigerung muß ihnen wohl gänzlich unerwartet gekommen sein! Wahrscheinlich hatten sie sich eingebildet, daß wir, eingeschüchtert durch die große Menge der Schiffe, uns auf Gnade oder Ungnade ergeben würden. Sie saßen also ruhig auf ihren Schiffen, wir vergnügt in unseren Stellungen an Land; sie warteten und wir warteten.

Nach einer Weile wurde lebhaft signalisiert. Schon dachten wir, daß es jetzt mit Gewalt versucht werden sollte und trafen unsere Maßregeln; aber es war wieder nichts. Nach einiger Zeit ging zu unserem Staunen der ganze Schwarm Anker auf nach See zu und kam bald aus Sicht. Gegen Mitternacht aber kam plötzlich die Meldung von der östlich der Stadt direkt an der Küste liegenden Pflanzung Moehn, daß die Engländer landeten. Sie hatten sich vorsichtig der Küste genähert, die Boote zu Wasser gelassen, und versuchten nun mit den gelandeten Truppen, die etwa eineinhalb Bataillone Weiße und Farbige betragen mochten, die Stadt zu überrumpeln, indem sie quer durch die Pflanzung heranrückten. Die Sache dauerte gar nicht lange. Wahrscheinlich hatten sie wohl ein paar von diesen verfluchten indischen Halunken mit sich, die als Händler ins Land kommen, die Eingeborene in jeder Beziehung übervorteilen und aussaugen und dann, wenn sie ihr Schäflein im Trockenen haben, mit ihrem Raub wieder abziehen. Viel war ja nicht zu sehen, weil die Nacht dunkel war, so viel aber konnten wir doch erkennen, daß sie auf einen so herzlichen Empfang, wie wir ihnen da zuteil werden ließen, nicht gerechnet hatten. Im Gegenangriff gingen wir vor und trieben sie ans Wasser zurück. An dem Tage blieb es ruhig. Wir mußten aber damit rechnen, daß der Feind seine Absicht nur vorübergehend aufgegeben hatte und jetzt wohl über einen neuen Angriffsplan beriet.

Bei uns waren ununterbrochen neue Verstärkungen und Geschütze eingetroffen, so daß wir den kommenden Ereignissen recht ruhig entgegensehen konnten. Unser Kommandeur, Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck übernahm den Befehl über unsere Streitmacht. Sie müssen nun nicht etwa glauben, daß wir Gott weiß wie viel hier zusammenhatten. Was sich in den nächsten Tagen abspielen sollte, das haben ganze tausend Mann vollbracht. Einige Kompagnien Schutztruppe, Abteilungen der Polizeitruppe, fast nur Schwarze, zu denen wehrpflichtige eingezogene Deutsche und einige Mannschaften vom Vermessungsschiff »Möwe« traten. Im ganzen waren es rund zweihundertfünfzig Europäer und siebenhundertfünfzig Schwarze.

Am 4. frühmorgens erschienen zunächst die Kriegsschiffe vor der Stadt und schossen hinein, was der Deubel wollte. Sogar 15-Zentimeter-Granaten waren dabei. Gegen das Feuer der Schiffsgeschütze konnten wir natürlich nichts ausrichten. Es hatte auch gar keinen Zweck, es mit unsern kleinen Feldkanonen zu beantworten, weil wir dadurch höchstens unsere Anwesenheit verraten hätten. Wie das erste Mal, kamen auch diesmal die Transporter näher, und die Leute wurden ausgeschifft. Nur ein kleiner Unterschied war jetzt dabei: Es waren bedeutend mehr, fast an zehntausend Mann. Hauptsächlich Inder. Wie wir nachher feststellten: Acht Regimenter Infanterie und Artillerie. An weißen Truppen hatten sie außer Marinemannschaften acht Kompagnien des North Lancashire-Regiments, also eine Übermacht, die den Engländern von vornherein schon den Erfolg sichern konnte. Das große Aufgebot bewies, wie sie uns fürchteten. Wir ließen sie auch diesmal wieder ruhig landen. Teilweise gelangten sie bis in die Stadt hinein, wo ihr Hauptziel der Bahnhof war. In der Zwischenzeit funkten die Kriegsschiffe ununterbrochen weiter. Heftige Kämpfe entspannen sich bald in der Nähe der Landungsbrücken und an dem dicht an der See liegenden Hospital. Wir hatten ihnen das Vordringen natürlich nicht ganz leicht gemacht, und als weitere Verstärkungen für uns eintrafen, nahmen wir sie hauptsächlich mit Maschinengewehr dermaßen in die Klemme, daß sie bald nicht aus noch ein wußten. Wir pfefferten auf die Kerle los, die auf dem verhältnismäßig schmalen Strich angesetzt waren, daß sie reihenweise sanken. Darauf waren sie wohl nicht im entferntesten gefaßt. Sonst hätten sie den Deubel getan, so geschlossen in dichter Masse anzurücken. Überdies muß auch wohl die Führung versagt haben.

Sie taten, was sie konnten, hoben an einer Stelle sogar Schützengräben aus. Das half ihnen aber nichts. Durch das Buschwerk gedeckt, gelang es uns, ihnen in die Flanke zu kommen und die Maschinengewehre zur vollsten Wirkung zu bringen. Eine Weile noch versuchten sie, sich zu halten, immer wieder aber drängten wir vor; unsere Geschütze und Maschinengewehre machten tadellose Arbeit. Sie wichen, gingen mehr und mehr zurück, bis wir sie gegen Abend gänzlich geworfen und auf eine kleine, schmale Stelle in der Richtung auf Ras Casone an der Küste gedrängt hatten.

Hier kam es am nächsten Tage noch zu mehreren kleinen Gefechten, das Schicksal war aber längst entschieden. Die Inder waren überhaupt nicht mehr zu halten. Gänzlich demoralisiert waren sie, unfähig, überhaupt noch Widerstand zu leisten. Wo immer wir auf sie stießen, hoben sie die Hände hoch, schrien und wollten sich ergeben. In der brutalsten Weise wurden sie von den Engländern mit Gewalt in die Boote gejagt und auf die Schiffe zurückgebracht. Diese Truppen waren für England vorläufig sicherlich gänzlich ausgeschaltet. Der Rest der Europäer schiffte sich am gleichen Abend in großer Eile ein. Unsere Geschütze nahmen es jetzt sogar mit den Kriegsschiffen, die nicht weit vom Land auf der Außenreede lagen, auf. Der Kreuzer »Fox« bekam ein tüchtiges Loch, im Hafen wurde ein Transportschiff in Brand geschossen und zum Überfluß dann noch durch zwei andere Fahrzeuge, die eiligst flüchteten, gerammt. Es sah wirklich heiter aus, wie ängstlich sie sich bemühten, aus dem Bereich unserer Geschütze zu kommen.

Wie schwer die Verluste waren, die der Gegner erlitten hatte, konnten wir beim Absuchen der Plätze, an denen der Kampf mit besonderer Heftigkeit getobt hatte, feststellen. Auf dem Festplatz der Eingeborenen, dem sogenannten Ngomaplatz, wo unsere Maschinengewehre besonders gutes Schußfeld gehabt hatten, sah es furchtbar aus. Die Leichen lagen zu Haufen. Hier allein konnten wir über hundert Weiße zählen, die Farbigen gar nicht mit eingerechnet. Ebenso war es dort, wo die Engländer ihre Schützengräben ausgehoben und längeren Widerstand zu leisten versucht hatten. Überall lagen die Verwundeten umher, eine ganze Anzahl Schwerverletzter war darunter. Zwei Oberstleutnants und mehrere andere Offiziere konnten wir feststellen. Die Gesamtverluste betrugen nach unserer ersten Schätzung eintausendzweihundertfünfzig Mann. Verwundet und gefallen waren hundertfünfzig Weiße und siebenhundertfünfzig Inder, der Rest war gefangen.

Dank des Angriffsplanes, den unser Kommandeur, Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck, gemacht hatte, waren unsere Verluste glücklicherweise nur gering, in gar keinem Verhältnis zu denen der Engländer. Wollten wir alle verwundeten Engländer verbinden und weiter in Behandlung behalten, so wäre wahrscheinlich ein großer Teil unseres Sanitätsmaterials, das wir doch für uns selbst bitter benötigten, draufgegangen. Man konnte ja nicht wissen, wie lange der Krieg dauern würde.

Wie überraschend den Engländern diese Niederlage gekommen war, bewies der nächste Tag. Da leiteten sie nämlich Unterhandlungen ein, um doch wenigstens einigermaßen eine Übersicht über die Zahl ihrer Toten, die Verwundeten und deren Schicksal zu bekommen. Auf den Schiffen mußte überdies eine heillose Verwirrung herrschen. Die Hals über Kopf in die Boote geflüchteten oder mit Gewalt hineingeprügelten Menschen hatten sich natürlich nicht mehr Zeit genommen, auf die eigenen Schiffe zu klettern, sondern waren eben zu demjenigen fahrbaren Untersatz gepullt, der gerade am nächsten lag. Von Land aus konnten wir beobachten, wie die Kerle ohne jede Ordnung unter Zurücklassung von Waffen und Gepäck, wie die Katzen an den Schiffswänden hochkletterten. Schade, daß wir nicht ein paar fünfzehn Zentimeter hatten, um da hineinzufunken. Das hätte ja einen schönen Schlamassel gegeben!