Durch uns erfuhren also die Engländer zunächst mal die Höhe ihrer Verluste. Die Gefangenen und leichter Verletzten behielten wir selbstverständlich. Konnten wir unserer Bevölkerung im Innern doch gar keinen besseren Beweis des glänzenden Sieges bei Tanga geben, als durch diese lebenden Zeugen. Dagegen gingen wir bereitwilligst auf die Bitte ein, den Engländern die Mitnahme ihrer Schwerverwundeten zu gestatten.

Die größte Freude machte unsern Leuten das Sammeln der Beute. Dabei stellte es sich erst heraus, wie umfangreich die Kämpfe waren, und in wie übereilter Flucht uns der Gegner das Feld überlassen hatte. Wir zählten allein acht Maschinengewehre, ungefähr fünfhundert Gewehre, eine halbe Million Patronen und Ausrüstungsstücke jeder Art. Das sind Ziffern, die Ihnen, Herr Kapitän, nach europäischem Maßstabe lächerlich gering vorkommen müssen. Sie dürfen aber nicht vergessen, daß das, was drüben ein Gefecht gewesen wäre, hier eine Schlacht bedeutete und zwar die größte, die bisher auf dem Boden unserer afrikanischen Kolonien geschlagen worden war. Der Stoß, den das englische Ansehen hier erhielt, wirkt noch heute auf das schwerste nach und hat nicht zum wenigsten dazu beigetragen, daß unsere Askaris zu uns ein felsenfestes Vertrauen faßten und in den späteren Gefechten wie die Deubels drauf losgingen. Der eine Sieg hier hat Unternehmungen reifen lassen, die denen in der Heimat an Schneid sicher nicht nachstehen.

Eine recht angenehme Ueberraschung gab es für uns einige Tage nach dem Abzug der Engländer bei Ras Casone. Dort fanden wir nämlich einen angetriebenen Leichter, den der »Pegasus« seinerzeit gestohlen hatte. Die Engländer waren aber so liebenswürdig gewesen, ihn uns bis oben hinauf zu füllen. Da gab es über tausend wollene Decken, Material für Telegraphenlinien, dreißig Feldtelephonapparate, Hacken und Spaten, kurz, alles Sachen, die wir sehr gut gebrauchen konnten und die uns später noch gute Dienste leisten sollten.«

Das Klirren und Klappern der Teller ist längst verstummt, die Mahlzeit ist beendet. Die Boys öffnen die Türen, die nach der Veranda führen. Bequeme Korbstühle sind dort aufgestellt, ein paar kleine Tischchen, auf denen bereits Getränke und Zigarren warten. Es dauert eine Weile, bis alles in angeregtem Geplauder seinen Platz gefunden hat und der Hauptmann der Schutztruppe in seiner Erzählung fortfahren kann.

»Bei uns waren fünfzehn Deutsche gefallen, darunter unser alter Afrikaner, Hauptmann von Prince. Ein schwerer Verlust für unsere Kolonie, in der er einen großen Teil seines Lebens zugebracht hatte. Sein Adjutant, Leutnant von Hoffmann, hatte neben ihm den Tod gefunden. Am 7. fand eine feierliche Totenfeier für die Gefallenen statt, nachdem die englischen Schiffe am Abend zuvor mit Nordkurs in See gegangen waren. Fünfzehn brave Deutsche haben wir in die afrikanische Erde gesenkt, für die sie so wacker kämpften und gefallen sind. Seither ist ihnen noch so manch einer gefolgt.«

Einen Augenblick herrscht Schweigen. Ein jeder denkt an die Freunde, die er im Felde weiß, die vielen Bekannten, die ihre Treue zum Vaterland bereits mit ihrem Blute bezahlt haben. ... Durch das Dunkel huschen die weißgekleideten Gestalten der Dienerschaft über den Kies ... leise rauscht der Wind durch die Kronen der Palmen und Brotbäume ... Das Zirpen der Heimchen dringt herauf, Glühwürmer schweben durch die Nacht ... wie aus weiter Ferne klingt das Kreischen einer aufgeschreckten Affenschar herüber. Schwer, wie traumverloren gleitet der Blick über den rauschenden Wald ... ein schönes Land, für das es sich schon lohnt, zu sterben ... Dann, als ob er sich von der Erinnerung an die toten Kameraden losrisse, wendet sich der Offizier wieder seiner Erzählung zu.

»Während wir in Tanga gegen zehnfache Übermacht siegten, hatten unsere Truppen nordwestlich des Kilimandscharo ein größeres Gefecht mit den Engländern, deren Vorgehen zweifellos in Verbindung mit dem Angriff auf Tanga stand. Dreihundertfünfzig Europäer – es mögen wohl schon Buren gewesen sein, da wir bereits früher dort südafrikanische Truppen festgestellt hatten – eine europäische reitende Batterie, eine Kompagnie freiwilliger Europäer aus Indien und acht Kompagnien von zwei indischen Eingeborenen-Regimentern griffen unsere Stellungen am Longidoberge an, wo die Engländer bereits Ende September empfindlich zurückgeschlagen worden waren. Bis tief in die Dunkelheit hinein, ungefähr fünfzehn Stunden dauerte der Kampf. Auch hier machten unsere Maschinengewehre, besonders unter den Reitern, ganze Arbeit. Der Gegner zog sich fluchtartig zurück und ließ fünfunddreißig tote Inder und einige Europäer am Platze. Eine ganze Reihe bereits geschlossener Massengräber verriet uns aber, daß das nicht sämtliche Verluste gewesen waren. Auch hier gab es, wie bei Tanga, reiche Beute: Pferde, Munition und Gewehre fielen in unsere Hände. Der englische Vorstoß auf deutsches Gebiet war auch hier völlig mißglückt.

Aber nicht nur an der Küste und an der Nordgrenze kam es zu Kämpfen. Von der Westseite rückten die Belgier beim Kiwusee und die Engländer weiter südlich zwischen Tanganjika- und Nyassasee vor. Alle Versuche aber, auf deutsch-ostafrikanischen Boden einzudringen, konnten von unseren Leuten, die natürlich überall in verschwindender Minderzahl waren, energisch zurückgewiesen werden. Dabei müssen Sie eines immer im Auge behalten, daß wir nur diejenigen Leute zum Militärdienst eingezogen hatten, die auf den Plantagen und in den Kontoren abkömmlich waren. Der ganze Betrieb in der Kolonie ging und geht seinen normalen Gang weiter.

Ein besonderes Kapitel für sich waren die Kämpfe, die sich auf den Seen abspielten. Unsere paar kleinen Dampfer hatten ein hartes Leben, aber sie wehrten sich bis zum äußersten gegen eine überwältigende Uebermacht, gegen die es schließlich kein Aufkommen geben konnte. Es war für uns ein großes Glück, daß wir die Besatzung von der »Möwe« freibekamen und daß es uns außerdem noch gelungen war, den auf der Heimreise befindlichen Ablösungstransport des in der Südsee stationierten Vermessungsschiffes »Planet« hierher zu lenken. Das bedeutete einen äußerst wertvollen Zuwachs für die Schutztruppe, durch den auch der so empfindliche Mangel an Unterführern ausgeglichen werden konnte.

Schon am 14. August ging die Schießerei auf dem Nyassasee los. Ein englischer Dampfer, der mit zwei Geschützen bewaffnet war, überraschte unseren kleinen Dampfer »Hermann von Wißmann« im Sphinxhafen. Kapitän und Steuermann hatten gar keine Ahnung, daß der Krieg ausgebrochen war. Sie wurden gefangen genommen und die Maschine des Schiffes unbrauchbar gemacht. Der kleine Dampfer hatte übrigens nur einen alten Böller an Bord, der wohl zum Salutschießen, aber nicht zur Verteidigung geeignet war; er konnte sich gar nicht wehren. Die Engländer freilich haben sich nicht gescheut, aus der Geschichte einen ungeheuren Seesieg zu machen.