Schiller.
Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen Valentin aufzuwecken, — da hörte ich Stimmen auf der Gasse und Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen wird, und das also anhebt:
1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1],
Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret,
Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht,
Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.
Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen. Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.
Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen — schlechter könne es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.
Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle, wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der Amtskeller habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen, sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem Gewissen einen andern Beruf ergreife — wir sollen dann gewiß unsere Freude an ihm erleben.