Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst ein gutmütiger, freundlicher Mann war, — doch aber bei so bewandten Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn, wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn, denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch, der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden. Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich Ehre von ihm haben.“
Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet: Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die Ehre und der Amtskeller galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. — Um auf schlimme Wege ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die sollte er auch bald genug finden.
[1] Das Lied ist von J. W. Zinkgref im Jahre 1624 gedichtet und seine übrigen Verse heißen:
2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen!
Schlagt ritterlich darein! — Eu’r Leben unverdrossen
Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch
Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!
3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen,
Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen,
Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck,