Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige Schlacht bei Nördlingen, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben das Dörflein Lindelbach geplündert, den Kelch aus der Kirche geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der König Gustavus Adolphus noch lebte, hatte die schwedische Armee den Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde: der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen, betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte freundlich für die empfangene Bewirtung. Das kaiserliche Volk aber trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen, verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.
Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu dem Reiterregiment des Grafen Piccolomini gehörend, im hiesigen Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße, dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften, daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein, daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen, welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte, aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer, die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen, die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten, die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das nackte Leben.
Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem Kaiser Ferdinandus an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre, daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen, sich über den Main in den Gau zu flüchten, andere aber, darunter auch wir, hofften in Kitzingen und in den benachbarten Orten ein Unterkommen zu finden.
Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27. Psalm vor: Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet, so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu besuchen.
Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des Allmächtigen, als aber Hans Ebeling, der Türmer, anhub zu singen:
Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein’n Dank dazu haben,
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,