Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen, die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens, wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr da, in welchem nicht ein Toter lag.
Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist. Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun nicht mehr hungern und dürsten, es wird auch nicht mehr auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze, denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen! Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe entbundenen Seele galt.
Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man der Worte gedenken: Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen. Wenn man es mit ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war, wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei, sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut, wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in eine große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.
Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:
„Eßt Bibernell,
Sterbt ihr nicht so schnell!“
Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.
Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal, aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei gut von Natur, die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.
Der Herr hatte beschlossen, daß mein Haus auch leer werden sollte: an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter, Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward, hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker Stimme: „Valentin! Valentin! Mein Sohn, mein Sohn!“ rief. Als es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:
„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig,