Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.

„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen! — solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht brauchen.“

„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem Diebsgesind Geld zu stehlen!“

Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht, du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach mir mit dem Fuße.

Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte, gebot er, mich zu binden — denn morgen müsse ich hängen.

So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte, und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und schliefen.

Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken. Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben, wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht hingerafft in meinen Sünden!

Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten zu den Schwedischen? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von Kitzingen, — soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht leise, — ein Messer habe ich schon bei mir!“

Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“