Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der Generalmajor Taupadel geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen, und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind, wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu: der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann, widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in seiner Nähe.
„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst, so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“
„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein wackerer Soldat verloren!“
Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen will, so will ich’s selber tun!“ — „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie Valentinus Gast, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“
„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. — Du willst Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde, bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob ich’s selber wäre!“ — Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.
Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns, Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ — „Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an ein Entlaufen nicht zu denken.
Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle über die Klinge springen!“ — „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! — Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft, jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.
Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches Gewitter losgebrochen, — es ward schier ganz finster, stürmte und blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.
Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu gelangen. — „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:
Wann es nun muß gestorben sein,