Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten, bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun sei’s mein Letztes.
Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt, die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. — Es war aber das die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem Fieber von dem Haufen nach Breisach geschleppt worden mit noch andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen hatte.
Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße ([19. Kap.])
Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. — Ach! zu mir hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „Oh, wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!“ — aber es war vor meinen Augen verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.
Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene, und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde, hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, — aber wir sollten noch Schrecklicheres erleben.
Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen, heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben, weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die Festung nicht übergeben, — so sollten wir selbst zusehen, was wir tun könnten, uns das Leben zu fristen!
Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, — denn ihr würdet’s doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern noch eine Frist zur Buße geben — freilich eine letzte.
Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die Türe und rief — denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder- und Totengeruches — von oben herab uns zu: wenn noch einige von den Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, — es sei ein Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen, wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt, unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den Füßen halten, der Kommandant, Freiherr von Reinach, selber mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter übergeben werden.
Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler, Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den Akkord zu halten.