Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger, welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war, weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum Willkomm. Sie kannten mich nicht, — denn ich sah aus wie ein Gerippe, auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle? Ich nannte ihnen meinen Namen, — da fingen sie laut an zu lachen und riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden? Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ — Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“

Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben. Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan, und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.

Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das Stroh und — ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft ausgestanden — plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich ganz gewiß, es sei aus!

Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. — Es war Olufsohn. Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah, kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind, „Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden, weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß ich dich also finden muß.“ — Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott segne dich, Olufsohn! So hab ich doch noch einen guten Freund in der Welt und will gerne sterben!“ — Er aber erwiderte: „Das wolle Gott nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt, ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß ich dem Lazarett zugewandert.

Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der Feldscherer nachgeschickt würde.

Dies geschah, — und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.

Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es ehedem nicht, wie ein rechter Christ beides ist: tapfer wie ein Löwe und sanft wie ein Lamm, hie aber habe ich’s erfahren. O du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.

Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört, daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.

An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder heimkehren mußte.

Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen, wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen gesund sein würde? — „Mit dem ist’s aus!“ lautete die Antwort, „die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und scheint keinen Gedanken daran zu haben.“