Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „Dies das Ende? — Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über mir gewaltet, — wider den hilft kein Streiten!“

Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren würde. — „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. — „Nicht mit?“ fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ — „Heimgehen will ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen, von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen bin.“ — „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme, daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn, er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von dem Obersten bekomme. — „Ist’s also ernst?“ fragte er traurig. — „Ja, ’s ist ernst!“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört, was der Feldscherer mit dir geredet hat. Morgen scheiden wir!

In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte, und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.

Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen, es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, — denn das Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei Nördlingen, — ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte, wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete. Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.

Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt — ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich und ging schnell davon.

Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan, über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’ ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen Blick zurückzuwerfen, — sie setzten sich eben in Marsch, einzelne Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve! — — „Was geht’s dich an?“ sagte ich, „dein Weg ist der weiteste!“ wandte mich und zog meine Straße.

[3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung eines Zeitgenossen, welcher Theatr. Eur. III also schreibt:

„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen bist gezwungen worden?

„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?

„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?