Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange des Lenzes waren, brannte sehr heiß, — so legte ich mich denn nieder in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen, sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein: der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr, der Gott Israels! Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.

Ich mußte diesem Worte nachdenken! — Das hatte ich ja selbst schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „Bann“ auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder zerronnen!

Ich gedachte Olufsohns. — Wie ganz anders war’s dem gelungen! Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach so viel abgestandenen Mühen und Gefahren — ein Landläufer und Bettler, wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen, ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf mir allenthalben ein Bann gelegen?

Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s wie Schuppen von den Augen — es war ein Unterschied, ein großer Unterschied zwischen mir und ihm: er hatte seines Vaters Segen beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn gemacht. Ein Gebot hatte ich unter die Füße getreten, er aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ und der Herr war Richter gewesen zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „auf daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden!“ Mich aber hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht, siehe! das ist der Bann, der auf dir liegt!“ So sagte mir die Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.

Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch, herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch, lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern erzählen, daß „wenig und böse“ die Zeit Eures Lebens gewesen um des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir: es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt, wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben Jahre lang gewesen war, — ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.

Wehe, wehe, wehe!“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen — nur so lange noch, bis ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht, bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“

So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte mir nicht Ruhe noch Rast.

Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den Mainstrom wieder. Nun hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen werd ich Euch nicht mehr!

Als ich an ein Dörflein kam unterhalb WertheimBestenheida genannt — konnt ich vor heftigem Stechen kaum mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse, wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon. Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen, leeren Zimmer.