Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben, betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem getreuen Gott, — derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.

Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte, daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem ich für ihn oder für mich zu beten hatte.

Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:

„Nur elf Jünger blieben treu,

Gib daß gar kein Abfall sei.“

Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, — doch hat der gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und das Brot essen werde im Reich Gottes! — — Gott segne dich, Olufsohn!“

Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan, und dankte dem Herrn, daß er es erhört.

Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet. Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte, so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem Siegesbette denn an einem Siechbette zu stehen meinte.

Endlich schlug es ein Uhr! Da hielt er den Atem an, wie wenn er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, — es war wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“ rief und seinen Spruch anhub: