„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen, wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“

„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt, nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.

„Ich heiße Olufsohn, Swen Olufsohn!“ gab er mir zur Antwort, „und bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen, und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen Gast, — Valentinus war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“

Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname geheißen!

„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt: Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“

„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“

„Ja!“ erwiderte ich, „er ist heim gekommen — seit drei Tagen zu mir, seinem leiblichen Vater und zu seiner irdischen Heimat, und heute nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu seinem himmlischen Vater und zu seiner himmlischen Heimat. Euch aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“

Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht, er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen, er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.

Während wir noch also miteinander redeten, kam der Pfarrherr ganz erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben! Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen! Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber, als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten, da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die Stube.