Sie kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu sehen ([24. Kap.])
Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren Stimme, „du Graukopf, — hab ich dir nicht schon einmal den Schädel gespalten? — Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? Vorwärts, vorwärts, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute gibt’s Dukaten — wird alles geteilt, brüderlich! — aber dem Grünrock seine gehören mir, — pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück ihm die Kehle zu, — ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes! ’s sind zwei über einen! — Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen starren! So — jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der Graukopf lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei, du kennst mich schon!“
„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist Nikol Paradeiser, der den alten Veit erschlug!“
„Nikol Paradeiser?“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner! Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! — So ist’s recht, — Teufel, da liegt er ja wieder! — Hopp, hopp, Schimmel! — Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh! Laß mich doch, alter Tropf, du wirst mich doch nicht zwingen?“
„Das ist Gottes Gericht, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich, „dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen einen Mord begangen!“
„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, — „ich bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der Geschichte gesprochen, — mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn ich sah ihn auch leibhaftig.“
„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat euch geschlagen. Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an! — Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und fallen, da sie niemand jagt!“
„Niemand jagt?“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will dir den Rest geben, — ich will — ich will“ — damit schleuderte er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von sich und sprang aus dem Bett, — der Rittmeister lief herzu, wollte ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und war tot.
Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.