Vierundzwanzigstes Kapitel.
Schluß.

Dem Leib ein Räumlein gönn’

Bei frommer Christen Grab,

Auf daß er seine Ruh’

An ihrer Seite hab’!

Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe weiterziehen müssen.

Es hatte Hans Ebeling meines Weibes und meiner Kinder, dazu des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte. Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort einmal eine Liebe erzeigt, — selbst des Hans Mündleins Witwe kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen, erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm, Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“ Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, — dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.

Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald das Lied anstimmten: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt!“ Als die drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden, welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein, wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst, geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern Dragonern, welche den Zug schlossen.

Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, — dann war alles vorüber, und wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen. — Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem Rittmeister — nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die Wallfahrt auf Erden dauert.