So ging ich also, wie mein Sohn vierzehn Jahre alt geworden, zu Valentin Orplich, dem Planbäcken, damit er seinen Paten, meinen Sohn, in die Lehre nehme. Er meinte zwar, der Knabe sehe ihm dafür zu fein und vornehm aus, und es habe ihm schon manchmal geschienen, als stehe ihm, so klein er auch sei, sein Sinn nach großen Dingen, und er werde sich nicht recht zum Handwerk schicken, ich aber entgegnete ihm: „Just wider die hohen müßigen Gedanken hat Gott der Herr das Gebot erfunden: ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!‘ — Nehmt Ihr den Knaben und seid ihm ein Meister und Zuchtmeister, für alles weitere lassen wir Gott sorgen.“ — Drauf war er’s zufrieden, und wir machten nur noch aus, daß er nur den Tag über beim Bäcken sei, den Abend und die Nacht solle er bei uns zubringen: denn die Luft des elterlichen Hauses kann kein Kind entbehren, wenn es gedeihen soll, — ‚im Schatten des Vaters,‘ sagt man, ‚wird der Sohn groß!‘
So geschah’s. Eh ich zum Vieruhrläuten ging, trat ich jedesmal in sein Kämmerlein, weckte ihn und sandte ihn zu seinem Meister und freute mich herzlich, wenn ich manchmal in der Morgenfrühe ungesehen auf der Straße stand, und durch des Meisters Fenster ihn so rüstig hinter der Arbeit sah, während alles ringsum noch im tiefen Schlafe lag, und nur das Plätschern des Rathausbrunnens durch die stillen Gassen rauschte. Sein Taufpate, der keine Kinder hatte, liebte ihn wie einen Sohn. Er tat seinen Meistersleuten, was er ihnen an den Augen absehen konnte, und er war so eifrig und anstellig in seinem Handwerk, daß der alte Meister sich’s behaglich zu machen anfing und fast das ganze Geschäft ihm in die Hände gab. Wie es aber gekommen, daß ich selber, obwohl der Meister nach Verlauf eines Jahres den Knaben noch ebenso lieb hatte, wie immer, doch manchmal nicht ohne Sorgen des Sprichworts gedachte: ‚Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,‘ will ich in folgendem erzählen.
In einem alten Buch habe ich einmal ein schönes und lehrreiches Märlein gelesen, das unsere Vorfahren sich zu erzählen pflegten. Als nämlich vorzeiten das Heidentum in unserem deutschen Vaterlande abgetan und der Dienst des lebendigen Gottes eingeführt wurde, hätten die heidnischen Götzen vor dem Kreuze sich geflüchtet und in einen Berg sich verborgen, welcher der Venusberg heißt. Dort brächten sie in heidnischen Greueln und teuflischen Lustbarkeiten ihre Zeit hin, könnten aber den Berg nicht verlassen, sondern würden verschlossen gehalten bis zum Tag des Gerichts. Von Zeit zu Zeit jedoch tue der Berg sich auseinander und ein Spielmann gehe heraus mit einer Pfeife, ziehe durch die Lande und blase wundersame Weisen. Wer die Pfeife des Spielmanns höre, werde alsbald wie toll, lasse Vater und Mutter und Weib und Kind dahinten, frage nichts mehr nach zeitlichem und ewigem Glück, sondern wolle sofort dem Spielmanne nach und seiner Pfeife. Zwar sei mit dem Spielmann immer auch ein Warner da, der treue Eckart genannt, der bäte und flehte, dem Spielmann nicht zu folgen, denn es sei zeitlich und ewig um die geschehen, welche sich verlocken ließen; aber nur wenige gäben ihm Gehör, und der Spielmann, wenn die Zahl voll sei, führe den ganzen Haufen dem Venusberg zu, wo sie ihrem Gott abschwören müßten, um des Teufels Feste zu feiern.
Was dies Märlein bedeuten soll, ist leicht einzusehen. Der Spielmann mit der wundersamen, verlockenden Weise ist der listige Versucher, der für jeden Menschen den rechten Ton anzuschlagen und die rechte Weise zu treffen weiß, um von Gott und seinem Heil ihn abzuführen. Der getreue Eckart aber ist Gottes Wort und das Gewissen, die dem Menschen die Wahrheit verraten und sein Los ihm voraussagen, wenn er sich von dem Versucher betören lassen will, — aber bei den meisten leider umsonst.
In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze Zechgesellschaft in der unteren Schenke, — die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind. Da war im zweiundzwanziger Jahr Michel Hamsterloch, der Kornwucherer, — der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der Jäger von Erlach, der hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war des Schenkwirts Rosamund, das liebliche Mägdlein, — das hörte das süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen, doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)
Aber auch das vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund, daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von Zeit zu Zeit den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und die Gemeinde den Seelsorger, — der Tunichtgut achtet sich berufen, die Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt, will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat. Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder nüchtern wird und zur Vernunft kommt.
Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚Bet und arbeit, so hilft Gott allezeit‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen, und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde; die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚dummen Jakob‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen Mann verstanden. — Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.