»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit sie ihrer eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.«
Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich der Neid und ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen.
Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen Oberrichter anzuerkennen.
Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus »der wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit einer edlen That beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem Aga, befindlichen beiden Einsiedler auslösen wollte.
Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone um vier Wagenladungen Brot.
Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil Effendi, der nach Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten zu ordnen, fuhr im Stadthause wütend auf, daß man ihn mit einem bartlosen Jüngling unterhandeln lasse, worauf der Oberrichter sich auf den Fersen umdrehte und die Thür heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien der Heiducke Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich schleppend.
»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger Hund?«
»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr möge mit dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.«
Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank zu Gunsten Miskas.
»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen. Er hat's dem Effendi tüchtig gegeben. Einen solchen Oberrichter hatten wir noch nicht.« Und sie beobachteten ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus ihm werden würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen Meinung eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus Kronstadt hierher verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel Walter zu sich berufen: sie mögen eine Peitsche anfertigen, deren Griff aus reinem Gold sein solle, ausgelegt mit Topasen, Smaragden und anderen strahlenden Edelsteinen, ferner einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls Gold und dessen Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag nicht für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun. Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million. (Ja, hat denn die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am folgenden Sonntag gingen die Richter und die beiden Senatoren sämtliche Geschäftsläden durch und kauften den gesamten Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem »Szikra« hinaus. Der Szikra ist die Sahara der Stadt Kecskemét. Ein Meer aus Sand. Seither haben die Enkel dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch frei, er wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen Gebiete weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet ihre Strahlen in lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger Sandkörner, welche sich in augenblendender Schnelligkeit bewegen, wie wenn Tausende unsichtbarer Besen unaufhörlich arbeiten würden, oder nur der Sonnenstrahl sich auf ihnen bewegt und umherspringt. Von einem Tier, einem lebenden Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann nicht einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses Gebiet ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand zu Hause sein, da die Erde selbst nicht zu Hause ist. Auch ein Maulwurf liebt es, wenn er seinen Bau verläßt, ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es versuchen hier auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte Wanderer, sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle wieder. ... Es herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen zwitschert eine Schwalbe oben in der Luft, welche es nicht verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit, sehr weit schnattert ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher. Wenn die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor und sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab. Die Sonne selbst erscheint als ein glänzender Sandhügel, dessen goldener Staub aus der Höhe auf die graubraune einförmige Welt herabweht. Lange, lange muß man wandern, bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen kommt. Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige Weiden breiten sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht. Den Oberrichter interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete Alles der Reihe nach. Dann befahl er den Ochsen- und Pferdehirten, daß von heute in vier Wochen bei Sonnenaufgang hundert schön gehörnte weiße Ochsen und fünfzig der fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen. Auch von den Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene Bänder herabwehen. Diese Verfügung blieb nicht geheim, sobald die Herren nach Hause kamen, und wenn es schon damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei den Weinhumpen davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen Bändern geschmückte Ochsen und Pferde! Vielleicht will der Sohn des Königs sich bei der edlen Stadt als Hirt verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am anderen Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in den Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete: