»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der hinausgehende Agoston.
»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts mehr zu thun, überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen Sie ihm die Hälfte von dem, was er begehrt.«
Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute Agostons den Staub aus der Czegléder Straße auf und am Abend des dritten Tages führten die Csudas die frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort ... So erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph Agoston, welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer Vorliebe erzählte, immer prächtiger, romantischer und in seinem Greisenalter mit den prahlerischen Worten anfing: »Hei! Als ich noch plenipotenter Gesandter war am Hofe Sr. Majestät des Herrn Thököly!«
Viertes Kapitel.
Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution schlief ein und der denkwürdige Tag rückte heran, an welchem man nach Ofen zog mit den Geschenken – zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig und an den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine Prozession. Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch, auf welchem die Schätze verlockend ausgebreitet waren. Der alte Gyurka stand dort wie ein Cherub, statt des Flammenschwertes hielt er den Haselnußstab in der Hand. So schön war all der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu sein schien. Solche Fetzen sind den Frauengesichtern eine große Nachhilfe. Die hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das gehörte zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen, dort im anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden? Gab es ein Herz, welches nicht lauter gepocht hätte, einen Blick, der nicht gefangen genommen worden wäre? Alle Pracht von »Tausend und eine Nacht« ist nichts dagegen. Wie viele Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all diese Herrlichkeiten und ließen die Blicke sanft über dieselben schweifen, allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen leise zu beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und zu solcher Zeit begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's doch, mein Täubchen!« Und sie probierten es und wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer den Glanz einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die Haare geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte ihnen wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer Seide an, in welche silberne Halbmonde gestickt waren, und dann die karmoisinroten Stiefelchen und den blendenden Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt besieh dich doch einmal!« Man stellte einen Spiegel vor sie hin und die Mädchen begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen. Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht brennend, mit wogendem Busen und mit dem süßen Hunger der Eitelkeit, da trat wieder der Cherub vor: »Na, jetzt war's aber genug, entkleide dich – oder wenn es dir beliebt, so geh' für alle Zeit in solchen Kleidern einher.«
Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch aus« und das bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen Kleidchen vom Leib zu schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen abzulegen, den funkelnden Schmuck abzulösen und wieder hineinzukriechen in die alten Kittel. Alle wollten den Versuch machen – keine einzige aber legte die Herrlichkeit gern ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das Fieber, sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen – und es waren ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden. Nur die Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider probieren. Gevatter Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte, wer schön sei. Paris hatte nur einen Apfel, er hatte einen ganzen Korb voll. Man bewarb sich aber auch um seine Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit Schinken und Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und dort ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte sich sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig Jahren den Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen konnten: »Oho, mich hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem Leib prangten auch einst die Kleider der Lestyák.« Es wurde beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst damals, als die Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein, wer die Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele bittere, brennende Thränen wurden da geweint. Ich will den Alten nicht des Mißbrauchs der Amtsgewalt anklagen, auch dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es fiele auch ein wenig schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren beweisen zu wollen) aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele Taktlosigkeiten beging. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem Zigeunermädchen.
Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß, zerzaust, ließ die großen Augen über die Schätze hinfliegen und der Mund blieb ihr offen stehen. Wie glänzende Perlen aus dem Orient funkelten die weißen Zähne im roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) Sie war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut. Lange strich sie um die Schätze herum, zauderte, bis sie den Heiducken endlich anredete: »Und ich – darf ich wohl?«
Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich: »Wozu ein Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?«
Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf das Antlitz des Mädchens herabließ, so traurig wurde das Kind. Selbst dieses wild aufgewachsene Eichhörnchen wurde von dem Tand gebannt. Es wandte sich ab und wischte mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen.
Zum Glück – oder vielleicht zum Unglück – war der Oberrichter eben im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. Er berührte mit der Hand ihre Schulter. Erschreckt fuhr sie in die Höhe. »Wähle unter diesen Kleidern und kleide dich an.«