Kvíčala seufzte; ihm ward immer schwüler. Ach, die Gasse hinter dem Fenster! Licht, Raum! Schnelligkeit und Bewegung dort draußen!

„Die Vergangenheit ist nicht so selbstverständlich, wie ich’s mir dachte,“ sagte Matys wie für sich selbst. „Sie ist unermeßlich unklar. Zeitweilig geschahen merkwürdige und unmögliche Dinge. Mir ist als stünde ich am Rande einer halb unbekannten Welt; etwas habe ich schon entdeckt, aber der Rest geht unendlich weiter und breiter, als ich geahnt. Ich hatte keine Vorstellung davon ... Das ist ein barmherziger Irrtum, daß uns die eigene Vergangenheit bekannt erscheint; wir kennen nur etwas, aber alles übrige ... Das Meiste sollten wir erst erleben!“

Kvíčala horchte: Draußen klingelt der Tramway, die Schritte vermehren sich, breit schüttet sich Wagenrasseln hin; dünn und klar flog ein Kinderschrei auf. Aber hierher kommen nur die Schatten der unstofflich durch das Glas hindurchgegangenen Laute; sie sind alles Nahen und Wirklichen beraubt; entfremdet den Lauten, die von außen her an das Fenster sich pressen; mit der Stille vermengt.

„Es ist still hier,“ sagte der Kranke, „und die Zeit ist lang. Ich denke an vergangene Dinge. Sie hätten noch nicht entschwinden sollen. Und woran ich immer nur denke, nichts hätte noch schwinden sollen. Ich müßte es erst erleben, aufmerksam verweilend — selbst die schlimmsten Augenblicke. So als hätte ich sie alle zwischen den Fingern entgleiten lassen, noch unwissend wie sie sind: und überaus seltene darunter —“

„Sie sind hier zu sehr allein,“ sagte Kvíčala.

„Ja. Und in vierzehn Tagen stehe ich wieder auf und erinnere mich vielleicht nicht mehr, daß ich einmal ‚zurück‘ geschrieben habe. Aber jetzt ist es da als Aufschrift an irgendeiner Wand. Zurück! Alles Vergangene ist nur ein Stichwort; alles ist unvollendet geblieben, angedeutet als Anfang und Ahnung ... Zurück! Vielleicht fühlt es ein jeder einmal und möchte zurückkehren, so als wäre es nach Hause — zurück! Es ist nicht, ach es ist nicht Rückkehr zu seinen Anfängen, — zu den ersten Schritten; aber zurück zu den Enden, zur Aussprache und Beendung seiner selbst, zu den letzten Schritten ... Unmögliche Rückkehr! Niemals zurück!“

Kvíčala erhob sich. „In vierzehn Tagen,“ lächelte Matys. „Entschuldigen Sie, eine Woche schon hab’ ich mit niemandem geredet. Grüßen Sie alle.“ Seine Hand war heiß und trocken. Oh, hinaus! Lautere Kühle, Gasse, Menschen, Menschen — und „vorwärts“ in diesem allen!

DIE VERSUCHUNG

Lange schon ging Růžička wie in Nebel herum. Er wehrte sich hartnäckig dagegen und ersann ohne Ende Gründe für und gegen, bewies sich etwas, ärgerte sich. Hart kämpfte er um Sammlung und sehnte sich zugleich: sich endlich ohne Gedanken und Richtung entführen zu lassen. — So wie ein schwarzer Pfahl am Teiche im Nebel, dachte er; über dem Wasser schreit die Möwe und läßt sich herab, um die Fläche in die Klauen zu ergreifen; das Wasser erbebt, und die Möwe entflieht wie ein Gassenjunge; erst Gott weiß, wo sie auflachen wird ...

Růžička blieb stehen: Reise ich oder bleibe ich? — Alle Gründe starben ab und er vermochte sich ihrer nicht mehr zu bemächtigen; alle starben ab und wurden starr und er konnte sich ihrer nicht mehr entledigen. Gründe, die ihn nicht mehr freuten. Sie waren in diesem engen Zimmer verwelkt. In dem Zimmer, das ihn nicht mehr freute. Gründe dafür, daß er blieb und nicht verreiste und nicht diese paar Chancen überflüssig verwarf. Ruhe, Beruf, Gewohnheiten, Lampe, Bett, Lehnstuhl — mehr brauche ich ja nicht, sagte er sich; ich bleibe und erfülle dies alles mit der Wahrheit des Lebens. Mein Platz ist schmal, aber ich kann ihn vertiefen. Ach, auf immer bleiben!