Das Verzeichnis dieser seiner gedruckten Schriften, noch mehr aber eine Uebersicht seines handschriftlichen Nachlasses zeigt die ungemeine Vielseitigkeit und Polymathie des Jobsiadendichters. Medicin, Pädagogik, Jurisprudenz, Naturkunde, Geschichte und Alterthumsforschung, Landwirtschaft, Technologie, Illustrationskunde u. s. w. sehen wir vertreten, und wenn das vorige Jahrhundert, wo die einzelnen Fachwissenschaften noch nicht den riesigen Umfang von heutzutage hatten, den studirten Leuten auch eher den Luxus einer solchen Vielwisserei gestattete, so muß man doch über die geistige Regsamkeit und den Bienenfleiß des Mannes füglich erstaunen. Namentlich zeigen auch die oben schon berührten, 1872 durch Clemens Ising aus dem handschriftlichen Nachlaß zum Druck beförderten „Nachrichten vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum“, wie rührig und eifrig der Autor sich umgesehen, Umfrage gehalten, gesammelt und gesichtet haben muß.

Den Ruhm und die Unsterblichkeit seines Namens hat Kortum jedoch auf einem Gebiete errungen, wo er sie selbst wol nicht erwartet hatte, auf dem Gebiete der Poesie, der komischen Muse. Wie nach seiner Naturanlage zu erwarten stand, fallen in dieses Gebiet auch seine ersten schriftstellerischen Versuche. Gebeten, für die in Wesel erscheinende Zeitschrift „Der Gemeinnützige“ und für die „Niederrheinischen Unterhaltungen“ Beiträge zu liefern, veröffentlichte er in denselben zunächst Anekdoten und scherzhafte Gedichte. Später folgten, zum Theil selbständig: „Lobschrift auf Herrn Ich.“; — „Komische Lebensbeschreibungen“; — „Die seltsamen Begebenheiten der Kinder des Medon und Sincer, ein Märchen nach dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts“; — „Saadi oder der Lebensbalsam, eine arabische Erzählung“; — „Lebensgeschichte eines Carobuben“; — Alles kleinere Sachen zum Theil moralisirenden Inhalts in humoristisch-satirischer Behandlung. Den „Märtyrer der Mode“ (Wesel, 1778) kann man füglich auch hierher rechnen.

„Die magische Laterne, in dreimal dreißig Vorlesungen“ erschien 1784 zu Wesel; in dem ersten Dreißig führt der Autor Charakterfiguren von Ständen, Berufsclassen und moralischen Eigenschaften, wie Geizige, Stutzer, Modenärrin u. s. w. vor; im zweiten Dreißig erscheinen Personen und Vorfälle aus der biblischen Geschichte des alten Testaments, und im dritten Dreißig will der Verfasser zeigen, „was zu uns’rer Zeit geschah.“ Er führt darin als lebende Zeitgenossen vor: Joseph II., Friedrich d. Gr., Katharina II., erwähnte die Reise von Papst Pius VI. nach Wien 1782, den nordamerikanischen Freiheitskampf 1777-1783, die heldenmüthige Vertheidigung Gibraltars durch Elliot 1779-1782, das Auffliegen Montgolfier’s 1783 u. s. w. Wenn daher ein Berufsgenosse des Jobsiadendichters, Dr. Müller, im Jahre 1878 einen Neudruck des kleinen Zeitspiegels in Knittelversen veranstaltet hat (Frankfurt a. M., Druck von G. Horstmann) und als eigenen Versuch unter der Ueberschrift „Fünfzig Jahre später“ eine Darstellung des Krieges von 1870/71 anfügte, so ist das ein colossaler historischer Schnitzer und wäre „Hundert Jahre später“ beinahe richtig gewesen. Auch schätzt sich der Herausgeber in der Vorrede glücklich, die „magische Laterne“ gleichsam neu entdeckt zu haben, irrt sich in dem Geburtsjahre Kortums um etwa 30 Jahre, ebenso in dem Geburtsorte, schreibt den Namen fälschlich „Kortüm“ und ist der Neudruck durch viele sinnstörende Druckfehler entstellt. Dem Jobsiadendichter selbst aber wäre vielleicht ein Dienst damit erwiesen worden, wenn die Laterne vergessen geblieben wäre. — Weitere poetische Erzeugnisse Kortums, welche allerdings erst nach der Jobsiade erschienen, sind: „Adams Hochzeitsfeier, ein komisches Gedicht“, (Wesel, 1788), und „Elisabeth Schlunz, ein Anhängsel zur Jobsiade“, (Hamm, 1819).

Keins dieser vielen Geisteskinder hat jedoch den Verfasser überlebt, alle fielen bald nachher der verdienten Vergessenheit anheim, und nur ein einziges sichert dem fruchtbaren Schriftsteller für immer einen Namen in der deutschen Literatur, die allberühmte „Jobsiade“ oder, wie der Titel der ersten Ausgabe ausführlich und genau lautete:

„Leben, Meynungen und Thaten
Von Hieronimus Jobs, dem Candidaten,
Und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb,
Auch endlich als Nachtswächter in Sulzburg starb.

Vorne, hinten und in der Mitten

Gezieret mit schönen Holzschnitten.

Eine Historia lustig und fein

In neumodischen Knittelverselein.“

Der in diesem Titel inhaltlich resumirte erste Theil der Jobsiade bildet ein abgeschlossenes Ganzes und erschien im Jahre 1784 anonym in Münster und Hamm bei Philipp Perrenon. Der Druck war jedenfalls schon im Jahre 1783 vollendet, wenigstens trägt das in meinem Besitze befindliche Handexemplar des Dichters dessen eigenhändige Namenszeichnung und darunter die Jahreszahl 1783. Das Titelbild von dem besungenen Helden zeigt die Unterschrift: „Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtswächter zu Sulzburg in Schwaben Aetat: XL.“ Aus dem „Sulzburg“ der ersten Ausgabe ist in späteren Ausgaben „Schildburg“ geworden, welches an die bekannten Streiche der „Schildbürger“ von Schilda (Schildau) bei Torgau, dem sächsischen Abdera, erinnern oder diesen Ort bedeuten soll. Dem Autor ist es übrigens nie eingefallen, sein Werk als „grotesk-komisches Heldengedicht“ zu bezeichnen; in der ersten Ausgabe fehlt jede weitere Bezeichnung, und erst später, als die ferneren Theile erschienen, gab er allen drei Theilen den Gesammttitel: „Die Jobsiade, ein komisches Heldengedicht in drei Theilen.“ Die Bezeichnung „burlesk“ würde ziemlich richtig sein, denn die Dichtung erhebt sich nicht über die niedere Komik.