Verleitet durch den Beifall, den dieser erste Theil der Jobsiade, zwar nicht ohne anfänglichen Tadel und Widerspruch, schließlich gefunden, fügte der Dichter noch einen zweiten und dritten Theil hinzu; durch einen höchst unwahrscheinlichen Hokuspokus ließ er den im ersten Theile als Nachtwächter verstorbenen Hieronimus wieder aus dem Grabe hervorgehen und machte aus dem mißrathenen Taugenichts erst einen musterhaften Pastor und dann gar einen reichen Dorfdynasten. Alle drei Theile erschienen unter dem gemeinsamen Titel „Jobsiade“ 1799 zu Dortmund in dem Mallinckrodt’schen Verlage. Die dritte Auflage besorgte Kortum im Jahre 1806, und von der vierten, welche in seinem Sterbejahre 1824 erschien, hat er noch die Revision des ersten Theiles selbst vorgenommen. Neben diesen rechtmäßigen Ausgaben erschien noch zu Lebzeiten des Dichters eine Menge von Nachdrucken.
Geben wir zur Beurtheilung der Jobsiade zunächst das Wort dem Literarhistoriker Heinrich Kurz. Derselbe sagt darüber, Band III. p. 307a: „Großen Beifall fand und findet noch immer die Jobsiade und zwar mit vollem Recht. Denn wenn sich die Dichtung auch nur im niedrigsten Grade des Niedrigkomischen bewegt, so hat auch dieses seine volle Berechtigung, wenn der Dichter es nur mit vollem Bewußtsein beherrscht und durchführt. Und daß dieses hier der Fall ist, wird Niemand bezweifeln wollen, der das Gedicht gelesen hat. Die Jobsiade verdient schon deshalb Anerkennung, weil in ihr Alles zusammenklingt: Charaktere, Begebenheiten, Darstellung, Sprache, Versmaß, Alles bewegt sich im gleichen Gebiete des Niedrigkomischen; nirgends wird der allgemeine Charakter unterbrochen oder gestört. Aber was der Jobsiade noch größeren, wahrhaft poetischen Werth gibt, das ist die Wahrheit, die ihr zu Grunde liegt. Wenn auch im burlesken Gewande, ist das Leben der deutschen Spießbürger und Philister, der deutschen Gelehrten und Pedanten in einer noch gar nicht so lange verschwundenen Zeit meisterhaft und in der vollsten Wahrheit geschildert; ja selbst das burleske Gewand ist keine Andichtung des Verfassers, sondern dem Leben abgelauscht. Es ist freilich schade, daß der Dichter noch einen Theil (resp. zwei) hinzufügte, in welchem Jobs, der scheintodt im Grabe gelegen, ins Leben zurückgerufen wird, nun ein neues Dasein beginnt und ein Muster von einem Pastor wird; allein abgesehen davon, daß man diese Fortsetzung als selbständiges Ganzes betrachten muß, und die poetische Einheit und Wahrheit des ersten Theiles dadurch also nicht beeinträchtigt wird, so möchten wir darin eine treffliche Satire auf die damaligen Dramen erblicken, in denen das Tragische durch einen unpoetischen Umschwung oder an den Haaren herbeigezerrte innere Unmöglichkeiten zu glücklichem Ende geführt wurde. Wie der erste Theil, so ist übrigens die Fortsetzung reich an glücklichen Einzelheiten, und wenn auch keine dem in seiner Art classischen Examen oder dem eben so trefflichen Briefe des Candidaten Jobs gleichkommt, so sind doch manche Stellen äußerst glücklich, so z. B. die Verspottung der damals herrschenden Empfindsamkeit.“
Gleich günstig urtheilt über die Jobsiade W. Lindemann in seiner „Geschichte der deutschen Literatur“, Buch XI., der sie geradezu als das eigentliche und einzige komische Heldengedicht der neueren deutschen Literatur bezeichnet. Auch er hält die Fortsetzung für eine Schädigung des ersten Theils; durch dieselbe gehe das komische Interesse auf Nebenpersonen über.
Nicht zum geringsten Theil verdankt der Verfasser diese Wirkung dem gewählten Versmaße und der Illustration der einzelnen Scenen durch die allerklotzigsten und unbeholfensten Bilder. Die drollige Willkür, mit welcher der Verfasser seine seitdem oft, jedoch selten mit Glück nachgeahmten Knittelverse allen rhythmischen Gesetzen zum Hohn handhabt, die Naivität, mit der er den Leser schadlos hält, indem er erklärt:
„Es werden zwar in den Reimen manche Strophen
Auf zu wenigen Füßen hinkend angetroffen,
Es sind aber auch manche Strophen wieder dafür
Länger, und mit zu viel Füßen laufend allhier,“
der glückliche Griff, mit welchem er häufig durch die Wahl eines verkehrten Casus oder einer falschen Form dem ausgedrückten Gedanken einen komischen Beigeschmack gibt und ihn so gleichsam zur erheiternden Caricatur umwandelt, das Alles verleiht den mitten aus dem Leben gegriffenen und lebenswarm dargestellten Vorgängen, außer dem inhaltlichen Interesse, auch noch den packenden Reiz der originellen Form. In richtigem Salondeutsch ausgedrückt, würde mancher Gedanke ohne Eindruck an dem Leser vorüberziehen; im Gewande der Kortum’schen Knittelverse aber prägt er sich dem Gedächtniß unauslöschlich ein und bleibt darin haften für immer.
Ein Pendant zu dem gewählten Versmaße bilden die Illustrationen. Eine Jobsiade, auf Velinpapier gedruckt und mit feinen Holzschnitten versehen, wäre gar keine richtige Jobsiade mehr; sie verlöre viel von ihrer Wirkung und ihrem eigenthümlichen Reize. Wer erinnert sich nicht mit Freuden des Autors, der wie ein zweiter Evangelist Lucas an seinem altmodischen Schreibtisch sitzt, seinem Büchlein den väterlichen Segen gibt und eine lange irdene holländische Pfeife vor sich liegen hat, oder der Schaar schnatternder Enten, die als Gevatterinnen bei der „Senaterin Jobsen“ Kindbettvisite machen, oder des steifen Reiters, der dem Reitersmann auf den Tabakpäckchen von Bönniger oder A. B. Reiter gleicht wie ein Ei dem andern und obendrein oft angebracht ist, wo er paßt wie Pilatus in’s Credo? Wie bezeichnend und hochkomisch ist nicht die Darstellung, „wie es mit Jobsens Gelehrsamkeit beim Abgange von der Universität bewandt war, fein artig in gegenwärtigem Kupfer vorgestellt“: ein leerer Rahmen ohne Inhalt? Wie stolz und dreist sieht der Hahn in die Welt, der in dem neuen A-B-C-Buche von Hieronimus Jobs ein Nest mit einem großen Ei hinter sich hat, „gleichsam als hätt’ er es selbst gethan“, wie glotzäugig verkündet die Nachteule den nahen Sturm in Ohnewitz, wie bezeichnend ist nicht der geschwätzige Papagei als Einführung in das Kapitel, in dem Amalie ihren nicht sehr erbaulichen Lebenslauf erzählt: „ein langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht; accurat hundert Verse?“ Gleich gelungen sind die Porträts der beiden Advocaten Schluck und Schlauch, die Silhouette und daran geknüpfte physiognomische Studie von Fräulein Esther, und das Titelbild zum dritten Theile, die beiden Liebenden in der Laube, wo „sie tranken des Mondes Silberschein und das Flimmern der lieben Sternelein“, ist der reinste Hohn auf die verliebte Mondscheinschwärmerei.