Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen, immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also?
Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß bewahrt.
Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über die verstümmelten Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren.
Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten, führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus.
Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons, und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen.
Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren. Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen, die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte.
Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz für eine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand.
Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte emporklettern, um Ausschau zu halten.
Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.
„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern, das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren, entgegensprühte.