XIII.

Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen, ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.

Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen möchte.

Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald ein Gewitter. Schon um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.

So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten Tiefen hinab.

Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die aus seinen eigenen Gründen emporwallen.

Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille Heiterkeit des Wesens trüben.

Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst. Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht: „Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da ist, ist mein!“

Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in sich trägt, ist zum Messias berufen!“