Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen Menschentums wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.

Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will, der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir nach!

Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen; aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen Himmelsostern des Friedens.

Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der weiten Welt!

Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon damals angefangen hat, als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen, die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit, daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen konnte ich nicht ins Auge sehen.

Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.

Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken. Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal würde gebrauchen können.

Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war, wollte ich Marie heiraten. War Bartel damit einverstanden, dann wollte ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal durch wackere Arbeit zu meistern.

Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch, wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.

Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem stillen Gebirgsgraben nichts.