Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen dahin. Der Arzt konnte mir zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk, wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr gewachsen.

Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der Heimat zu.

Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.

Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees hernieder.

Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises Regenrieseln, und als ich mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr, wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.

Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und Bier und Braten und Zigarren dankte.

Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner Marie, zu meinem Kinde.

Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem. Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige Pflichten.

Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus meinem Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur Heimat zu stärken.

Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich nun gleich zu mir.