Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen, und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend nach Hause kommen.

„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in seiner Neugierde gesättigt.

„Wohin soll ich denn gehen?“

„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint, weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du dir am End um was anderes umschauen tätst.“

Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen und ich hatte nicht gezittert, war nicht erbleicht. Nun aber ging ein Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.

„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“

„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.

„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder, „du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“

Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und, wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft von Grund auf umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.

Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht, wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!