Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr. Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der Heinrich Binder sei.
Was nun anfangen? In immer schmerzlicher mein Herz zerwühlenden Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit Marie gesessen war.
Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten Welt.
Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.
Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck – und alles ist nicht mehr.
Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?
Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen, was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich damals, über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht, wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen Besitz nahm.
Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.
Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.
Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.