Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen letzten Akt in der Tragödie meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen lassen.

Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite Verworfener liegen.

Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe sich die Kehle durchschnitten hatte.

Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.

Noch eine Weile saß ich so, – ließ mein Leben an mir vorüberziehen und stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!

Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“

Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.

Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen: „Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“

„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“