Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres gefunden hast, könntest es ja probieren!“
Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe, liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte, ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu hören und zu fühlen: du bist daheim.
Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf verließ, da er noch Geschäftsgänge hatte, und mich auf den Bahnhof bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe, wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich das Leben gemacht.
XIV.
Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden. Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der Weltfreude das Auge aufschlägt.
Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.
Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.
Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein, so lange du mich liebst.“
Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.