Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen, das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.

Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark bleiben können und müssen.

Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.

Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.

Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen wollte.

Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.

Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde, sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen Arbeiten selbst besorgen konnte.

Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten können.

Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete, die in der Mühle aus und ein gingen.

Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter, einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend. Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.