Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln, die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir, wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde? Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in Demut aufzunehmen hat.
Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten einen gewaltigen Stoß erfahren.
Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.
In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz behaftet.
Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.
Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt, fühlte aber, daß mich Marie ansah.
Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte, und da mußte ich ihr doch danken.
„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du noch an meine arme Mutter denkst.“
„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.