Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir, daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite hörte.
Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau, es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s gekommen ist.“
Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich dauert’s nimmer zu lang.“
„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“
Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das –“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine Mutter wohl nie kennen lernen.“
Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’ mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür, daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das nit.“
Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini, laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen, denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“
An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende, wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die Dahingegangenen einen Rosenkranz.
Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein Glück geben könne.
„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“