Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.

Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser, ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie, i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ – der Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte, wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte – „Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber, viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen, hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß, Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“

In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.

„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“

Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“

In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes Weib, gebrochen an Leib und Seele.

„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“

Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige, was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“

Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem Armensünderwinkel.