„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat das Leben nit weniger hergenommen.“

Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht, beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat, das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da. Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken, daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird schon wissen, was er mit uns will.“

Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein, noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte, woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.

Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.

Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken lassen.

Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten und Händel ab.

So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein, daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen, wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus dem Eise herauszuhauen.

Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen sei.