Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze Mühlenpersonal – Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers – wurden aufgeboten. Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen. Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.

Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu heucheln brauchte.

Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin. Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat zurückgeführt habe.

An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht. Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.

Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit gedacht hatte.

Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine Forderungen präsentierte.

Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.

Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?

Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.