Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang, der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühen Morgenstunden die Rehe und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken, als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen zwischen zwei Reisen.
Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.
Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.
„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“
Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.
Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini, sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst. Gelt, du versprichst es uns?“
Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.
Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“
Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“
Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“